Das Berufsleben ist häufig geprägt von Konkurrenzdruck und Profilierung. Gute Positionen sind rar und viele Mitarbeiter wetteifern daher um wenige Aufstiegsmöglichkeiten. Dies kann so weit gehen, dass Menschen neben Fleiß und Motivation auch auf andere Mittel zurückgreifen, um die Karriereleiter zu erklimmen.

Sicher hat so mancher schon einmal mit dem Gedanken gespielt, wie es wäre, die Arbeit oder ein Projekt des Kollegen mutwillig zu sabotieren, um dadurch die eigene Position beim Chef zu stärken. Doch nur die wenigsten wären bereit, dies auch tatsächlich in die Realität umzusetzen. Anders sieht es aus, wenn man nicht selbst aktiv handeln muss: Wenn der Mitarbeiter beispielsweise einen offensichtlichen Fehler übersieht, steht man vor der Wahl, den Mitarbeiter auf diesen Fehler hinzuweisen oder ihn absichtlich „ins offene Messer laufen zu lassen“. Letztere Option würde sicher die Wahrscheinlichkeit des eigenen Erfolgs steigern und viele würden dieser Alternative eher zustimmen als der ersten. Doch ist diese Entscheidung moralisch vertretbar? Dem Bauchgefühl zufolge würde man urteilen, dass sich die vorgestellten Situationen mindestens in einem Aspekt grundlegend unterscheiden: In der einen Situation wird dem Mitarbeiter aktiv Schaden hinzugefügt, in der anderen Situationen unterlässt man eine Handlung – man lässt sich nichts wirklich zu Schulden kommen. Die Konsequenzen sind jedoch dieselben: Der Mitarbeiter steht bei seinem Vorgesetzten schlechter da und die eigenen Aufstiegschancen verbessern sich.

Warum bewerten Menschen die zwei Situationen unterschiedlich?

Gemäß dem Omission Bias („Unterlassungseffekt“) wiegen unmoralische Entscheidungen, die ein aktives Handeln erfordern, schwerer als genauso unmoralisches Unterlassen einer Handlung. Der Grund der unterschiedlichen Bewertung liegt darin, dass Handeln offensichtlicher ist als Unterlassen, und das Resultat einer Handlung sicherer ist als das Resultat einer Unterlassung. Wenn Menschen aktiv handeln, wird dies eher als Ausdruck ihrer Intention gesehen, als wenn sie eine Handlung unterlassen. Die Intention einer Unterlassung ist schwieriger zu erkennen.

Spranca, Minsk und Baron (1991) haben dieses Phänomen genauer untersucht und in einem Experiment wissenschaftlich nachgewiesen: Sie baten Versuchsteilnehmer, mehrere Szenarien zu lesen und die möglichen Handlungsoptionen zu bewerten. Während eine Option eine Unterlassung war, stellte die andere eine aktive Handlung dar. Die Ergebnisse zeigten, dass 65 Prozent der Versuchspersonen die Handlung als unmoralischer bewerteten als die vorsätzliche Unterlassung. Obwohl die Konsequenzen beider Verhaltensoptionen dieselben sind, werden Handlungen stärker sanktioniert als Unterlassungen. Dies bedeutet, dass psychologisch gesehen in der Tat ein Unterschied zwischen Handeln und Unterlassen besteht.

Ist aktives Handeln das Gleiche wie nichts zu tun?

Ist dieses Phänomen ein systematischer Denk- und Urteilsfehler oder folgen Menschen schlicht und einfach einer Moraltheorie? Aus utilitaristischer Sicht sind Handeln und Unterlassen äquivalent. Aus deontologischer Sicht besteht jedoch eine moralische Unterscheidung zwischen diesen zwei Taten. Ein Gedankenexperiment, das den Unterschied zwischen diesen zwei Sichten veranschaulicht, ist das Trolley-Problem. Dieses beschreibt eine Situation, in der eine Straßenbahn droht, fünf Personen zu überrollen. Durch das Herabstoßen einer unbeteiligten Person von der Brücke kann die Straßenbahn angehalten werden. Das moralische Dilemma besteht nun darin, zu entscheiden, ob der Tod einer Person in Kauf genommen werden darf, um fünf andere Menschen zu retten. In beiden Optionen des Trolley-Problems wird der Tod anderer Menschen verursacht, entweder wird eine Person geopfert oder fünf Personen werden überfahren. Wenn Menschen dieses Dilemma präsentiert wird, sagen fast 90 Prozent, dass es ethisch nicht richtig ist, einen Menschen zu töten, um das Leben fünf anderer Menschen zu retten, und urteilen aus deontologischer Sicht. Das Unterlassen einer Handlung wird als weniger schlimm wahrgenommen als eine aktive Handlung. Hinzu kommt die Frage nach dem Wert des Lebens einer Person verglichen mit den Leben von fünf Personen.

Was Du gegen den Omission Bias tun kannst

Wenn es sich tatsächlich um einen menschlichen Denkfehler handelt, ist es dann genauso unmoralisch, die Wahrheit zu verschweigen, wie zu lügen? Ist es genauso unmoralisch, einem Armen nicht zu helfen, wie jemanden zu bestehlen? Ist die fahrlässige Tötung genauso schlimm wie ein Mord? Denke einen Augenblick über diese Fragen nach und vergiss nicht, dass auch ein Nicht-Handeln immer mit Konsequenzen verbunden ist. Und sei in Zukunft wachsamer, wenn dein Gewissen ein unmoralisches Verhalten nicht als solches erkennt – die Konsequenzen sind dieselben. Und sollte sich ein von Dir initiiertes Projekt als Misserfolg herausstellen, dann weise deinen Vorgesetzten darauf hin, dass Du es wenigstens versucht hast – während andere die Füße hochgelegt haben.

Quellen:

Spranca, Mark / Minsk, Elisa / Baron, Jonathan, 1991, Omission and commission in judgment and choice, in: Journal of Experimental Social Psychology, 27. Jg., Nr. 1, S. 76–105

Thomas, Judith Jarvis, 1976, Killing, letting die, and the trolley problem, in: Philosophical Problems of Death, 56. Jg., Nr. 2, S. 204–217

Regina Schneider
Regina hat Economics and Psychology an der Universität Panthéon-Sorbonne in Paris studiert und arbeitet seit 2015 als Researcher in der IW Akademie. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen im Bereich Verhaltensökonomik und Wirtschaftspsychologie. Sie interessiert sich vor allem für die psychologischen Aspekte wirtschaftlichen Entscheidens und Handelns.