In Deutschland warteten Anfang dieses Jahres etwas über 10.000 Menschen auf ein Spenderorgan, doch die Zahl der Bürger, die einen Spenderausweis besitzen, ist gleichbleibend gering. Verhaltensökonomen fordern schon lange einen Systemwechsel: Statt Entscheidungslösung soll eine Widerspruchslösung eingeführt werden. Kann die Quote damit wirklich erhöht werden?

Vergleicht man die Zahl der Organspenden europaweit, schneidet Deutschland schlecht ab. Gerade einmal 10,9 Spender kamen 2013 auf eine Million Einwohner, während es in Spanien 35,1 waren. Der Grund für diesen drastischen Unterschied wird von vielen im System vermutet. In Deutschland herrscht eine Opt-in-Regelung, das heißt: Die Bürger sind zunächst keine Spender, es sei denn, sie erklären aktiv das Gegenteil. Diese Regelung wird auch Zustimmungslösung oder in leichter Abwandlung Entscheidungslösung genannt. Spanien praktiziert die Widerspruchslösung (Opt-out). Entscheidet man sich nicht aktiv dagegen, ist man automatisch ein potenzieller Spender. Dieser vermeintlich kleine Unterschied hat große Wirkung, wie Johnson und Goldstein (2003) in ihrer häufig zitierten Publikation „Do defaults save lives“ zeigen. Während in Ländern mit Zustimmungslösung im Durchschnitt weniger als 20 Prozent als potenzielle Spender infrage kommen, sind es im anderen System weit über 90 Prozent.

Die Erklärung für das Phänomen liefert die Verhaltensökonomik: Menschen haben eine starke Tendenz, einen Status Quo, also einen aktuellen Zustand, beizubehalten. Das betrifft die allgemeinen Lebensumstände und drückt sich auch in dem Unwillen aus, Voreinstellungen zu verändern, beispielsweise von einem Computer. Grund sind unter anderem der Aufwand einer Umstellung und die Angst, eine falsche Wahl zu treffen. Ist nun in einem Land der Standard, Organspender zu sein, behalten die meisten Bürger diesen bei. Sofern es dem Willen der Bevölkerung entspricht, ist diese Lösung auch sinnvoll, denn sie erspart die Kosten und Mühen einer aktiven Registrierung.

Viele Politikberater und Wissenschaftler fordern deshalb einen Systemwechsel in Deutschland. Doch bei genauerem Hinsehen wird deutlich, dass es nicht so einfach ist. Auch wenn die Zahlen der potenziellen Organspender beträchtliche Unterschiede aufweisen, liegen die tatsächlichen Quoten deutlich näher beieinander. So sind in Österreich laut Johnson und Goldstein (2003) zwar fast 10 Mal so viele Menschen als Spender registriert wie in Deutschland. Die Spenden pro Millionen Einwohner sind jedoch nur etwas mehr als doppelt so hoch. In Ungarn und Luxemburg, wo auch die Widerspruchlösung praktiziert wird, ist sie sogar genauso hoch wie in den Niederlanden, einem Land, in dem die Zustimmung verlangt wird, und nur unwesentlich höher als in Deutschland. Das liegt auch daran, dass im Normalfall die Angehörigen eines Verstorbenen gefragt werden, von denen im Schnitt 15-20 Prozent die Spende ablehnen, wie der Leiter der Nationalen Transplantationsorganisation Spaniens in einem Interview mit Swissinfo (2013) erklärte.

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Postmortale Organspender
Quelle: Deutsche Stiftung Organtransplantation, 2015, Jahresbericht 2014

Es lohnt sich, einen Blick nach Spanien zu werfen, denn er offenbart, dass die Änderung der Voreinstellung allein nicht unbedingt wirkt. Schon 1979 wurde dort die Widerspruchslösung eingeführt, doch die Spenderquote stieg erst 11 Jahre später. Der Grund: 1990 wurde die gesamte Organisation der Organtransplantation verändert mit dem Ziel, mehr Transparenz und effizientere Strukturen zu schaffen. Zahlreiche Forscher vermuten, dass das der ausschlaggebende Grund für die steigenden Zahlen war (Fabre et al., 2010).

Auch in Deutschland ist die Ursache für die niedrige Spenderquote tiefer verwurzelt. Besonders der Skandal im Jahr 2012 hat das Vertrauen der Bürger erschüttert. Damals wurde bekannt, dass zahlreiche Kliniken in Manipulationen bei der Vergabe von Spenderorganen verwickelt waren und sogar die zentrale Koordinierungsstelle für Organtransplantation DSO war starker Kritik ausgesetzt. Dementsprechend gab in einer repräsentativen Umfrage der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung zwar ein Großteil der Befragten an, grundsätzlich zur Organspende bereit zu sein. Jedoch befürchteten 67 Prozent Missbrauch durch Organhandel und sahen dies als zentrales Argument gegen einen Spendeausweis (BZgA, 2014). Dieses Misstrauen kann durch eine Umstellung auf Widerspruchslösung sogar steigen und dadurch die Quote weiter senken – so beispielsweise in Brasilien und Frankreich (Organ Donation Taskforce, 2008).

Der Mangel an Organspenden lässt sich also durch die Voreinstellung weder erklären noch beheben. Stattdessen müssen Politik, Kliniken und die DSO das Vertrauen der Deutschen wiederherstellen, indem sie grundlegende Schwächen des Systems beheben. Ist das geschehen, kann im demokratischen Prozess entschieden werden, ob ein Wechsel zur Widerspruchslösung ein sinnvoller nächster Schritt ist.

Quellen:

Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, 2013, Wissen, Einstellung und Verhalten der Allgemeinbevölkerung zur Organ- und Gewebespende, Zusammenfassung der wichtigsten Ergebnisse der Repräsentativbefragung, Köln

Deutsche Stiftung Organtransplantation, 2015, Jahresbericht 2014

Fabre, John / Murphy, Paul / Matesanz, Rafael, 2010, Presumed consent: a distraction in the quest for increasing rates of organ donation, BMJ, 341. Jg., c4973

Johnson, Eric / Goldstein, Daniel, 2003, Do Defaults Save Lives?, in: Science, 302. Jg., Nr. 5649, S. 1338–1339

Organ Donation Taskforce, 2008, The potential impact of an opt out system for organ donation in the UK, London

Swissinfo, 2013, Was Spanien zur Nr. 1 in Sachen Organdspenden macht [01.06.2016]

Christina Heldman
Christina ist seit Oktober 2014 als Researcher in der IW Akademie tätig, wo sie die Themenschwerpunkte Verhaltensökonomik und Institutionenökonomik bearbeitet. Parallel studiert sie Volkswirtschaftslehre im Master an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. Ihr Hauptinteresse ist die Anwendung verhaltensökonomischer Erkenntnisse in der Wirtschaftspolitik.