Letzten Freitag war es endlich soweit: Die EM hat begonnen. An dieser Europameisterschaft ist nicht nur neu, dass statt 16 (bzw. bis 1996 nur 8) dieses Mal 24 Länder an der Endrunde teilnehmen, neu sind auch 95 Regeländerungen, die bei dieser EM erstmals gelten. Können diese Regeln zu mehr Fairness und weniger Fouls im Fußball führen?

Im Rückblick auf das letzte Fußballgroßereignis, die WM 2014 in Brasilien, erinnern sich Anhänger der deutschen Mannschaft neben dem Weltmeistertitel besonders gern an den 7:1 Sieg gegen den Gastgeber. Was vielen vielleicht nicht mehr so deutlich in Erinnerung ist, ist das üble Foul eines Kolumbianers an Brasiliens Star Neymar. Die Folge war ein Wirbelbruch und Neymars WM-Aus bereits im Viertelfinale. Zinédine Zidanes Kopfstoß gegen den Italiener Marco Materazzi im WM Finale 2006 ist da noch deutlicher in Erinnerung. Sicher, Fußball ganz ohne Fouls ist kaum vorstellbar. Dennoch stellt sich die Frage, ob sich Fouls reduzieren lassen und ob ein geeignetes Regelwerk Fußball fairer machen kann.

Eine der neu eingeführten Regeln betrifft die Unterbekleidung, denn von nun an muss die Unterhose die gleiche Farbe wie die Spielhose haben. Neben dieser Kuriosität gibt es die Neuerung, dass bei einer EM erstmals die in der Bundesliga erprobte Torlinientechnik Hawk Eye verwendet wird. Um die Schiedsrichter zu unterstützen, bekommen sie zusätzlich Analysten zur Seite gestellt. Sie briefen die Schiedsrichter vor dem Spiel: Welche Spieler sind bekannt für versteckte Fouls? Welche Spieler lassen sich gern mal fallen? Und, und, und. Eine weitere Neuregelung ist die, dass das Verzögern bei einem Elfmeter mit einer gelben Karte und einem indirekten Freistoß für den Gegner geahndet wird. Langsamer werden ist erlaubt, aber Anhalten nicht mehr. Diese Regel ist eine Reaktion darauf, dass immer mehr Spieler diese „Technik“ angewendet haben, um sich einen Vorteil zu verschaffen: Man stoppt ab, sieht für welche Ecke sich der Torwart entscheidet und zielt dann auf die andere Ecke. Dieses Verhalten war bis dato zwar legal, jedoch nicht legitim.

Ähnlich verhält es sich mit dem allseits beliebten Zeitspiel. Wenn die eigene Mannschaft führt und nur noch wenige Minuten auf der Uhr sind, finden sich Spieler merkwürdigerweise recht häufig mit schmerzverzerrtem Gesicht auf dem Boden liegend wieder, um beim eigenen Angriff dann wieder quietschfidel aufzuspringen. Oder der Torwart hat auf einmal unendlich viel Zeit beim Abstoß und wenn er dafür schon die gelbe Karte gesehen hat, lässt er einfach einen Feldspieler den Abstoß ausführen, der dann ebenso viel Zeit hat. Die gelbe Karte nimmt er besonders dann gern in Kauf, wenn es sich dabei um ein wie immer geartetes Endspiel handelt, bei dem die Karten danach verfallen. Clever oder unfair? Die Bewertung hängt stark davon ab, ob es sich um einen Fan der Mannschaft handelt oder nicht.

Nur wenn das Regelwerk einen gewissen Handlungsspielraum ermöglicht, ist ein Verhalten möglich, das zwar legal, aber nicht legitim, clever oder unfair ist. Fernab vom Fußball gilt das auch für die Gesellschaftsordnung: So ist es zwar in einigen Fällen legal, eine Briefkastenfirma zu gründen, allerdings nicht gerade legitim, sein Vermögen dadurch dem Fiskus zu entziehen. Die Menschen, die ihre Steuern zahlen und damit zur Bereitstellung öffentlicher Güter beitragen, fühlen sich (zu Recht) ausgenutzt. Beim Fußball gilt das gleiche: Unfaire Spieler gewinnen kurzfristig, verlieren aber langfristig an Reputation. Der Spieler dagegen, der sein Handspiel zugibt und so zum Beispiel ein Tor wieder aberkannt bekommt, erntet den Respekt der Medien, der (meisten) Zuschauer, den von (einigen) Mitspielern und den des Schiedsrichters. Wichtiger als all das ist ihm aber möglicherweise der Respekt vor sich selbst und die eigene Einstellung zu Fairness. So zeigt eine Studie, dass faires und unfaires Verhalten nicht allein durch externe Faktoren begründet ist, sondern auch dadurch, ob unfaires Verhalten überhaupt im eigenen Repertoire ist.

Frieling et al. (2013) zeigen, dass der Spielstand zwar einen statistisch signifikanten Effekt auf die Fouls hat, nicht aber auf die Art des Foulspiels. Bei der Art des Foulspiels unterschieden sie zwischen „fairen“ und „unfairen“ Fouls. Gegenüber einem fairen Foul, einem normalen Zweikampf, bestehen unfaire Fouls beispielsweise darin, den Ball wegzuschlagen, jemanden zu beschimpfen, in absichtlichem Handspiel oder Tätlichkeiten. Der Spielstand, die Bedeutung der Begegnung oder auch die Brisanz der Paarung führten nicht dazu, dass häufiger unfair gefoult wurde. Ebenso verhält es sich vermutlich mit der Interpretation des Handlungsspielraumes zwischen formellen Regeln und informellen Regeln: Wer den Rückpass zur gegnerischen Mannschaft – ein Akt des Fair Play – nutzt, um sich den Ball zu schnappen und ein Tor zu erzielen, verstößt eindeutig gegen informelle Regeln. So ist es bei einem Champions League Spiel im Jahr 2012 geschehen. Einige Spieler hätten ein solches Verhalten, wie es der Brasilianer Luiz Adriano an den Tag legte, gar nicht in ihrem Repertoire. Ihr Handlungsspielraum umfasst also solche unfairen Optionen gar nicht, sodass sie auch nicht in Stresssituationen darauf zurückgreifen können.

Studien aus der Sportsoziologie zeigen aber, dass Spieler zum Erreichen des sportlichen Erfolges Verstöße von formellen und informellen Regeln bis zu einem gewissen Grad tolerieren (Gabler, 2002). Fair Play heißt dann höchstens noch, fair zu foulen, also den Gegner dabei nicht zu verletzen (Pilz, 1989). Herrmann et al. (2008) wiesen nach, dass während sich Ungerechtigkeitserfahrungen mit Schiedsrichtern positiv auf die Bereitschaft zu Regelverstößen auswirkten, sie sich negativ auf die Bereitschaft zu informeller Fairness auswirkten.

Vor diesem Hintergrund ist es also positiv zu beurteilen, dass den Schiedsrichtern bei dieser EM erstmals Analysten als Berater zur Verfügung stehen. So könnten in Zukunft negative Schiedsrichtererfahrungen, die unfaires Verhalten beflügeln, reduziert werden. Zum anderen greifen, wie gezeigt werden konnte, nicht alle Spieler zu unfairen Mitteln, sondern nur die, deren appellierendes Über-Ich sie nicht daran hindert.

Daraus folgt allerdings auch, dass technische Hilfsmittel zwar den Wettbewerb fairer machen würden, nicht aber den Spieler. Faires Verhalten bildet sich während Kindheit und Jugend: Trainer können also früh einen Einfluss darauf ausüben, wie sich die Spieler entwickeln. Und da immer ein diskretionärer Spielraum bleiben wird, kommt es am Ende auf den Spieler an, der diesen mit fairem oder unfairem Verhalten ausfüllt.

Freuen wir uns also auf eine faire Europameisterschaft in Frankreich – ohne die Hand Gottes.

Quellen:

Pilz, Gunter A., 1989, Der LVM/NFV-Fair-Play-Cup. Ein Beitrag zur Erziehung zum Fair Play. Sportunterricht, 38. Jg., Nr. 3 , S. 103–110

Gabler, Hartmut, 2002, Motive im Sport: motivationspsychologische Analysen und empirische Studien, Schorndorf

Frieling, Julius / Pohlkamp, Stefanie / Stöver, Jana / Vöpel, Henning, 2013, Suarez und die „Hand Gottes“: Wie fair ist Fußball?, HWWI Policy Paper, Nr. 80

Marie Moeller
Marie hat an der Freien Universität Berlin VWL studiert und an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster promoviert. Seit 2014 ist sie am Institut der deutschen Wirtschaft im Kompetenzfeld Verhaltensökonomik und Wirtschaftsethik tätig. Außerdem ist Marie Lehrbeauftragte an der Technischen Hochschule Köln und Dozentin an der FOM Hochschule für Oekonomie & Management und an der Hochschule Fresenius für Mikroökonomie und Makroökonomie.