Vorbildfunktion: Die Macht des Einzelnen

Deutsche schätzen die Ehrlichkeit in Unternehmen geringer ein als Befragte aus Frankreich, Spanien und Italien – aber konkret beobachtet wurde Fehlverhalten seltener als in den anderen Staaten. Außerdem trauen sich Mitarbeiter in Deutschland eher, auf dieses Fehlverhalten hinzuweisen.

Große Unternehmen betonen  in der Öffentlichkeit regelmäßig die Verantwortung für Umwelt, Mitarbeiter und Gesellschaft. Doch trotz dieser Beteuerungen werden sie diesem Anspruch von Corporate Social Responsibility (CSR) nicht immer gerecht, wie unter anderem die Abgasmanipulationen bei Autos zeigen. Ist verantwortungsvolles Handeln in der deutschen Wirtschaft deshalb eher die Ausnahme als die Regel? Und welche Folgen hat das Fehlverhalten Einzelner?

Einer Umfrage des Institute of Business Ethics (IBE) in 2015 zufolge, nehmen die Befragten in Deutschland ihre Arbeitgeber insgesamt als verantwortungsvolle Unternehmen wahr. Zwei Drittel bestätigen die Routine von Ehrlichkeit und integrem Wirtschaften in ihrem Unternehmen. Das ist allerdings ein geringerer Anteil als im Jahr 2012 und auch weniger als in Frankreich, Spanien und Italien. Gleichzeitig wurde im Jahr 2015 mit 23 Prozent häufiger Fehlverhalten beobachtet als in 2012 (18 Prozent). Aber: Konkretes Fehlverhalten wurde in Deutschland seltener beobachtet als in Frankreich, Italien oder Spanien. Zusätzlich ist man in Deutschland eher und häufiger bereit, sich bei beobachtetem Fehlverhalten auch zu äußern und etwas dagegen zu unternehmen (Abbildung).

Abbildung
Ehrlichkeit wird in Unternehmen groß geschrieben

Ehrlichkeit in Unternehmen
1) Anteil der Befragten, die die Fragen mit „Ja“ beantworteten (jeweils 750 Befragte pro Land).
Quelle: Johnson, 2015a

Bedenken bei Fehlverhalten zu äußern, ist sehr wichtig, denn schon ein einzelner Betrüger kann die Beobachter anstecken, wie Gino et al. (2009) in einem Experiment zeigen konnten. Dafür  gaben sie Teilnehmern Rechenaufgaben, von denen sie so viele wie möglich innerhalb von fünf Minuten lösen sollten. Für jede gelöste Aufgabe erhielten sie 0,50 Dollar. Teilnehmer, die vom Experimentleiter kontrolliert wurden, lösten sechs bis acht Aufgaben. Wenn die Teilnehmer ihren Verdienst selbst berechnen sollten – also betrügen konnten – gaben sie dagegen im Durchschnitt zwölf gelöste Aufgaben an. In einem weiteren Experimentaufbau stand ein Schauspieler schon nach einer Minute auf und gab an, alle 20 Aufgaben gelöst zu haben. Der Experimentleiter kontrollierte die offensichtliche Lüge nicht, sondern ließ ihn mit 10 Dollar Verdienst gehen. Teilnehmer, die dies beobachteten, betrogen noch häufiger und gaben durchschnittlich 15 gelöste Aufgaben an (Gino et al., 2009).

Gute Vorbilder beeinflussen das Verhalten dagegen positiv. Befragte in der IBE-Studie gaben häufiger an, kein Fehlverhalten am Arbeitsplatz beobachtet zu haben, wenn sie in Unternehmen arbeiteten, die ethisches Verhalten unterstützen oder fördern. In Unternehmen mit entsprechenden Codes of Ethics äußern Mitarbeiter auch eher Bedenken, wenn sie moralisch fragwürdiges Verhalten beobachten (Johnson, 2015b). Dies ist auch das richtige Vorgehen, um das Verhalten anderer positiv zu beeinflussen. In einer Abwandlung des oben beschriebenen Experiments betrog der Schauspieler nicht, sondern fragte, ob Betrügen in Ordnung wäre. Der Experimentleiter antwortete nur, dass man tun könne, was man wolle. Nach dieser Erinnerung, dass eine falsche Angabe zur Anzahl gelöster Aufgaben Betrug ist, schummelten die Teilnehmer weniger. Obwohl sie nicht kontrolliert wurden, gaben sie durchschnittlich an, nur zehn Aufgaben gelöst zu haben – immerhin zwei weniger als ohne die Erinnerung (Gino et al., 2009). Moralisches Handeln lässt sich somit mit einfachen Maßnahmen fördern. Im Büro beispielsweise sollte man sich von Kollegen, die hin und wieder mal Büromaterial mitgehen lassen, nicht anstecken lassen, sondern sie lieber darauf ansprechen.

Quellen:

Gino, Francesca / Ayal, Shahar / Ariely, Dan, 2009, Contagion and Differentiation in Unethical Behavior: The Effect of One Bad Apple on the Barrel, in: Psychological Science, 20. Jg., Nr. 3, S. 393–398

Johnson, Daniel, 2015a, Ethics at Work: 2015 Survey of Employees – Continental Europe, London

Johnson, Daniel, 2015b, Ethics at Work: 2015 Survey of Employees – Germany, London

Franziska Then

Franziska war im Frühjahr 2016 Praktikantin in der IW Akademie. Sie studiert im Master Märkte und Unternehmen an der Universität Duisburg-Essen und hat nebenbei im Essener Labor für Experimentelle Wirtschaftsforschung (elfe) gearbeitet. Sie interessiert sich insbesondere für Fragestellungen der Verhaltensökonomik und Wirtschaftsethik.


1 Kommentar

  1. Reinhold Then

    3. Juli 2016 at 22:23

    Ehrlichkeit fängt da an wo keiner zuschaut. ( Wenn man beobachtet wird ist es leicht ehrlich zu sein.)

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