Haben oder Sein: Dieses Gegensatzpaar beschrieb Erich Fromm in seinem Bestseller, der im Jahr 1976 erschien und jetzt im Deutschlandfunk in der Sendung Lebenszeit diskutiert wurde. Fromm plädierte für Sein statt Haben. Doch wie würde die moderne Glücksforschung diese Frage 40 Jahre später beantworten?

Die Diskussion, die Fromm damals führte, könnte aktueller nicht sein. Das zeigt auch die kontroverse Diskussion und die emotionalen Beiträge der Zuhörer der Sendung Lebenszeit im Deutschlandfunk. Sind wir zu sehr auf Konsum fixiert? Verrennen wir uns auf der Jagd nach Besitz? Entfremden wir uns von Menschlichkeit und Nächstenliebe? Kurzum: Macht uns Besitz und Konsum letztendlich glücklicher?

Woher kommt die Konsumkritik?

Will man sich mit Konsum und Konsumkritik auseinandersetzen, stellt sich zunächst die Frage, warum den Menschen so sehr daran gelegen ist. Die grundsätzliche Bedeutung von Konsum ist simpel. Er stillt die Bedürfnisse von Menschen und hilft ihnen, zu überleben und ein bequemes Leben zu führen. Um Grundbedürfnisse wie Essen, Obdach oder Kleidung zu stillen, müssen Nahrung, Wohnraum und Textilien konsumiert werden. Das würde wahrscheinlich auch niemand kritisieren. Die eigentliche Frage ist: Welche Bedürfnisse sind akzeptabel, deren Befriedung dann auch legitim ist? Sind die Wünsche nach Unterhaltung, Komfort oder Prestigeobjekten akzeptable Bedürfnisse?

Die klassische Ökonomik hat hierauf eine einfache Antwort: Alles, was dem Konsumenten Nutzen bereitet und von ihm nachgefragt wird, ist auch gesamtwirtschaftlich in Ordnung. Ob sich ein Produkt durchsetzt, hängt davon ab, wie vielen Menschen es nutzen. Das bedeutet: Die Entscheidung über die Nachfrage von Gütern und Dienstleistungen obliegt dem Konsumenten, nicht den Unternehmen, nicht dem Staat. Der Preis sorgt dann für den Ausgleich von Angebot und Nachfrage.

Was macht Konsum so attraktiv?

Produkte und Dienstleistungen können den Konsumenten in verschiedener Weise Nutzen bereiten. Sie können nicht nur Grundbedürfnisse stillen, sondern sprechen mitunter auch andere Bedürfnisse an.

  • Ausdruck von Identität und Individualität: Bestimmte Dinge zu kaufen, sich in bestimmter Art zu kleiden, ein bestimmtes Auto oder Fahrrad zu fahren, hat für viele Menschen nicht nur die Funktion, warm zu halten oder mobil zu sein, sondern ist auch ein Ausdruck eines bestimmten Lebensstils oder eines bestimmten Charakters.
  • Ausdruck von Gruppenzugehörigkeit: In einer Welt, in der alles möglich ist, kann es schwer sein, sich zu verorten. Konsum kann dann ein Versuch sein, sich durch Symbole zu einer bestimmten Gruppe zugehörig zu fühlen. Der Begriff „Apple-Jünger“ zeigt diese Gruppenidentität sehr plakativ. Als Konsument der Produkte, der stolz darauf ist und sie propagiert, gehört man automatisch zu einer Gruppe Gleichgesinnter.
  • Möglichkeit des „Seins“: Produkte können somit die Identität eines Wesens repräsentieren und sie können ihr auch dazu verhelfen, die eigene Identität besser zu finden oder auszuleben. Der Konsum von Dienstleistungen wie ein Yogakurs, ein Selbstfindungsseminar oder eine Wanderung können dabei helfen, die eigene Existenz besser zu verstehen und zu gestalten. Konsum kann dadurch für andere, aber auch für einen selbst sichtbar machen, welche Präferenzen man hat und wie man sich identifiziert.

„Haben“ in der Glücksforschung

In der Glücksforschung zeigt sich ein wesentlicher Nutzen von Konsum und Hedonismus in seiner Belohnungsfunktion. Nur wenn sich eine Anstrengung auch lohnt, hat der Mensch einen Anreiz, sie auf sich zu nehmen. Wenn man etwas konsumiert, erreicht, Geld für etwas ausgibt, an dem man Freude hat, dann löst das in der Regel einen Hormoncocktail im Gehirn aus. Die Belohnung erzeugt Freude. Diese nimmt aber mit häufigerer Nutzung ab. Man gewöhnt sich an ein bestimmtes Niveau. Das führt dazu, dass man sich erneut anstrengt, um etwas zu erreichen.

Genau dieser Gewöhnungseffekt, die sogenannte hedonistische Tretmühle, löst in der Glücksforschung regelmäßig eine Debatte darüber aus, ob „mehr“ immer „glücklicher“ macht. In Bezug auf Einkommen zeigt sich beispielsweise, dass Menschen ab einem bestimmten Einkommensniveau durch zusätzliches Einkommen nicht langfristig glücklicher werden. Jedoch ist der Zusammenhang nicht so einfach:

  • Nichts haben macht unglücklich: Menschen in armen Ländern geben durchschnittlich eine geringere Lebenszufriedenheit an als Menschen in reichen Ländern. Fehlt es am nötigsten, macht das unglücklich.
  • Relativ mehr haben macht glücklicher: Statusgüter wie ein höheres Einkommen, ein neues Haus oder ein Auto machen auf Dauer eher glücklich, wenn das soziale Umfeld nicht den gleichen Statusaufstieg erreichen konnte, man also einen relativen Zuwachs erhalten hat (Fetchenhauer/Enste, 2012).
  • Weniger haben als früher macht unglücklich: Menschen vergleichen sich zur Bestimmung ihrer Zufriedenheit nicht nur mit anderen, sondern auch mit ihrer eigenen Vergangenheit. Verglichen mit einer früheren schlechteren Position ist man glücklicher. Verglichen mit einer früheren besseren Situation ist man unglücklicher (Smith et al., 1989).
  • Mehr haben macht immer weniger glücklicher: Der Grenznutzen von Wohlstand ist abnehmend. Das heißt, jede weitere Einheit Wohlstand trägt ein bisschen weniger auf die Glücksbilanz auf als die vorherige. Ist ein gewisser Sättigungslevel erreicht, bringen zusätzliche Wohlstandseinheiten keinen besonderen Zufriedenheitsgewinn mehr (Easterlin, 1974).

Haben oder Sein?

Diese Forschungsergebnisse zeigen: Nichts haben kann nicht die Lösung sein. Immer mehr haben aber auch nicht. Stattdessen kann man beobachten, dass ab einem bestimmten Sättigungslevel qualitativer Konsum statt quantitativer Konsum im Fokus stehen. Es gilt dann nicht, immer mehr vom selben zu haben, sondern bessere Produkte oder solche, die das „Sein“ unterstützen, zum Beispiel Gesundheitsvorsorge, Kultur und Freizeit usw. Ab einem bestimmten Einkommensniveau macht beispielsweise der Konsum von Freizeitaktivitäten glücklicher als der von materiellen Gütern (Dunn et al., 2011).

Ist unsere Gesellschaft also 40 Jahre nach Fromm immer noch auf dem Konsumholzweg? Ein Blick auf den Konsum in Deutschland nach Warengruppen in den vergangenen 20 Jahren zeigt: Die Menschen konsumieren nicht immer mehr vom Gleichen. Alkohol, Tabak und Rauschmittel werden sogar deutlich seltener verzehrt. Deutlich gestiegen ist der Konsum von Kommunikationsmitteln, Gesundheitsvorsorge, Bildung und Freizeit und Kulturangeboten (siehe Abbildung).

Die Glücksforschung sowie soziologische Theorien wie die bekannte Bedürfnispyramide von Maslow würden daher wahrscheinlich die Anfangsfrage „Haben oder Sein?“ so beantworten: Haben, um zu sein!

Abbildung
Konsumindex nach verschiedenen Warengruppen; 100=1991

Konsumindex nach verschiedenen Warengruppen
Quelle: OECD

Quellen:

Dunn, Elizabeth W. / Gilbert, Daniel T. / Wilson, Timothy D., 2011, If money doesn’t make you happy, then you probably aren’t spending it right, in: Journal of Consumer Psychology, 21. Jg, S. 115–125

Easterlin, Richard A., 1974, Does Economic Growth Improve the Human Lot?, in: David/Reder (Hrsg.), Nations and Households in Economic Growth, New York

Fetchenhauer, Detlef / Enste, Dominik, 2012, Vom Schlechten des Guten – Warum der Mensch nicht zum Glücklichsein geboren ist, RHI-Diskussion, Nr. 19, München

Smith, Richard H. / Diener, Ed / Wedell, Douglas H., 1989, Intrapersonal and Social Comparison Determinants of Happiness: A Range-Frequency Analysis, in: Journal of Personality and Social Psychology, 56. Jg., Nr. 3, S. 317–325

Theresa Eyerund

Theresa hat noch während ihres International Business Bachelorstudium an der TH Köln 2012 begonnen, im Kompetenzfeld Verhaltensökonomik und Wirtschaftsethik zu arbeiten. Schwerpunktmäßig betreut sie das Projekt „Zukunft der Arbeit“ des Roman Herzog Instituts. Berufsbegleitend hat sie im Master Corporate Development an der Uni Köln sich auf Wirtschafts- und Verhaltensethik sowie Wirtschaftspsychologie spezialisiert. Diese und weitere Forschungsinteressen wie die Institutionenökonomik verfolgt sie auch weiterhin.