Statistiken gegen die Terrorangst

Nach Vorfällen wie den Anschlägen in Paris im November 2015 oder den jüngsten Anschlägen in Brüssel und Nizza haben Menschen mehr Angst vor Terroranschlägen und fühlen sich unsicher. Wir schätzen das Risiko, nun selbst von einem Terroranschlag betroffen zu sein, deutlich höher ein: So fürchten sich jüngsten Umfragen zufolge 76 Prozent der Menschen vor einem terroristischen Anschlag in Deutschland.

Die Erfahrung der Verwundbarkeit hat sich durch den Anschlag auf das New Yorker World Trade Center im Jahr 2001 stark ins kollektive Bewusstsein der Menschen eingeprägt. Erlebnisse wie das Attentat auf die Redaktion „Charlie Hebdo“ oder aktuellere Geschehnisse wie der Anschlag in Nizza haben die Verwundbarkeit wieder hervorgeholt. Aufgrund der dadurch entstandenen Präsenz des Ereignisses schätzen wir die Wahrscheinlichkeit, ebenfalls Opfer eines solchen Anschlags zu werden, höher ein (Deutschlandradio Kultur, 2016). Während sich im Januar 2015 45 Prozent der Menschen vor einem Terroranschlag in Deutschland fürchteten, gaben dies im August 2016 über drei Vierteil der Befragten an, das ist ein Anstieg von mehr als 30 Prozentpunkten (Abbildung).

Abbildung
Fürchten Sie, dass es in nächster Zeit in Deutschland terroristische Anschläge geben wird oder fürchten Sie dies nicht?

Terrorangst
1) N = 1.003
Quelle: infratest dimap, 2016

Je emotionaler das Ereignis war und je größer die geographische Nähe, umso mehr prägt es sich in unser Gedächtnis ein. Aber nicht nur die Eindringlichkeit, Intensität und Nähe des Geschehnisses, sondern auch die Medienberichterstattung kann die Verfügbarkeit von Informationen beeinflussen. Je öfter eine besondere Bedrohung visuell und informativ zur Verfügung steht, desto eher erscheint sie den Menschen real. Hinzu kommt, dass Menschen sich leicht vorstellen können, selbst zufällig Opfer eines Terroranschlags zu werden, wenn sie beispielsweise in einem Flugzeug sitzen.

79 Prozent der Menschen überschätzen das Risiko eines Terroranschlags

Die Angst von Menschen ist statistisch gesehen unbegründet, da das Risiko, an einer Krankheit zu sterben, deutlich höher ist, als durch einen terroristischen Anschlag umzukommen. Im Jahr 2013 starben 894.000 Menschen in Deutschland, mindestens 89 Prozent starben aufgrund einer Erkrankung. Nur knapp 4 Prozent der Todesfälle wurden durch äußere Ursachen wie Verletzungen, Vergiftungen und bestimmte andere Folgen äußerer Ursachen verursacht (Statistisches Bundesamt, 2016).

Während das Risiko, Opfer eines terroristischen Anschlags zu werden, bei nur 1:27,3 Millionen (0,0000037 Prozent) liegt, kommt einer Studie von Canada Life (2015a) zufolge eine von 110 Personen (0,91 Prozent) an den Folgen einer ungesunden Ernährung ums Leben. Das Risiko, an den Folgen regelmäßigen Rauchens zu sterben, liegt bei 1:180 (0,56 Prozent). 81 Prozent unterschätzen das Todesrisiko durch ungesunde Ernährung und 72 Prozent unterbewerten das Risiko, an den Folgen von Tabakkonsum zu sterben, aber 79 Prozent der Menschen überschätzen das Risiko eines Terroranschlags (Canada Life, 2015b).

Warum sind Menschen nicht immer rational?

Mehrere kognitive Verzerrungen, in der Verhaltensökonomik „Biases“ genannt, können die falsche Einschätzung der Menschen erklären:

•    Verfügbarkeitsheuristik

Die geschätzte Häufigkeit oder die Wahrscheinlichkeit, dass ein bestimmtes Ereignis eintritt (hier: Terroranschlag) hängt von der Zugänglichkeit relevanter Erinnerungen ab. Die jüngsten Terroranschläge sind immer noch präsent und werden durch neue Anschläge wieder hervorgeholt. Menschen schätzen die Wahrscheinlichkeit eines neuen Anschlags daher höher ein.

•    Bestätigungsfehler

Menschen tendieren dazu, Informationen zu suchen, die mit ihrer eigenen Meinung übereinstimmen. Wenn Menschen davon ausgehen, dass ein Terroranschlag wahrscheinlich ist, interpretieren sie die jüngsten Anschläge als ein erhöhtes Risiko für neue terroristische Anschläge und ignorieren die Vielzahl von Terroranschlägen, die vereitelt werden.

•    Illusorische Korrelation

Zwischen unabhängigen Ereignissen wird eine vermeintliche Verbindung gesehen. Die letzten Terroranschläge werden als Beleg für mögliche weitere Anschläge betrachtet.

Die Furcht vor terroristischen Anschlägen kann unser alltägliches Leben beeinflussen und dazu führen, dass wir unser Verhalten ändern, indem wir Veranstaltungen wie Fußballspiele und Konzerte meiden oder sogar Urlaube stornieren. Umso wichtiger ist es, über die Wahrnehmungsverzerrungen und die tatsächlichen Risiken aufgeklärt zu sein, um der Terrorangst die kalte Schulter zu zeigen.

Quellen:

Canada Life, 2015a, Trinken, Rauchen, Essen: Männer leben sorgloser als Frauen, Pressemitteilung vom 26.8.2015 [5.8.2016]

Canada Life, 2015b, Umfrage der Canada Life „Risikoeinschätzung der Deutschen 2015“. Flugkatastrophen, Terror, Gewalt: Deutsche verkennen die Risiken des Alltags, Pressemitteilung vom 26.2.2016 [5.8.2016]

Deutschlandradio Kultur, 2015, Risiken werden falsch eingeschätzt [5.8.2016]

infratest dimap, 2016, ARD-DeutschlandTREND. August 2016 [5.8.2016]

Statistisches Bundesamt, 2016, Gestorbene nach ausgewählten Todesursachen [5.8.2016]

Regina Schneider

Regina hat Economics and Psychology an der Universität Panthéon-Sorbonne in Paris studiert und arbeitet seit 2015 als Researcher in der IW Akademie. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen im Bereich Verhaltensökonomik und Wirtschaftspsychologie. Sie interessiert sich vor allem für die psychologischen Aspekte wirtschaftlichen Entscheidens und Handelns.


2 Kommentare

  1. Christian Jung

    24. August 2016 at 16:13

    Liebe Frau Schneider, liebe iw-Blogger,
    ich schätze die Arbeit des iw sehr und habe oft genug sowohl privat als auch vor allem beruflich davon profitiert. Der Beitrag „Statistiken gegen Terrorangst“ hat mir allerdings zu denken gegeben, ob in Folge Ihrer neuen, insgesamt positiven Linie, kurze, frische und interessante Themen aufzugreifen, nicht auch die (wissenschaftliche) Qualitätskontrolle gelitten haben könnte. Aus der in einer Umfrage gestellten Frage „Fürchten Sie, dass es in Deutschland in nächster Zeit terroristische Anschläge geben wird?“ abzuleiten, dass jene, die das befürchten, nämlich 76%, sich auch selbst vor einem Anschlag fürchten oder – wie sogar nahegelegt wird – fürchten, selbst Opfer eines Anschlags zu werden, ist jedenfalls grober Unfug.
    Angesichts der in den letzten Monaten objektiv zugenommenen Terrorgefahr ist die Einschätzung, dass es zu einem (weiteren) Anschlag auch in Deutschland kommen könnte, eine (leider) realistische und taugt nicht dazu, übertriebene Ängste in der Bevölkerung zu belegen. Die mag es wohl auch geben, nur bitte dann mit den dazu passenden Umfragedaten belegen!
    Bleibt noch zu ergänzen, dass die Befürchtung von Anschlägen zwischen Januar 2015 und August 2016 nicht um „mehr als 30 Prozent“, sondern um mehr als 30 Prozentpunkte (von 45 auf 76%) gestiegen ist.

    • Regina Schneider

      24. August 2016 at 16:46

      Lieber Herr Jung,

      vielen Dank für Ihren ausführlichen Kommentar, den ich zur Kenntnis genommen habe. Die Umfragewerte, die ich herausgesucht habe, sollten vor allem die Verfügbarkeitsheuristik verdeutlichen. Ich habe im Beitrag bewusst versucht, die Umfragewerte aus dem ARD-DeutschlandTREND von der Überschätzung des persönlichen Terrorrisikos zu trennen. Es kann sein, dass diese Unterscheidung nicht deutlich genug war.

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