Reinhard Selten. Der einzige deutsche Träger des Wirtschaftsnobelpreises ist am 23. August im Alter von 85 Jahren gestorben. Reinhard Seltens Arbeiten zur Spieltheorie prägen die moderne Wirtschaftsforschung, weil sie zwei Grundannahmen des Fachs hinterfragen: die Rationalität der Menschen und ihr ausschließliches Streben nach dem eigenen Gewinn.

Als dem studierten Mathematiker Reinhard Selten im Herbst 1994 als erstem – und bislang einzigem – Deutschen der Wirtschaftsnobelpreis verliehen wurde, ging ein Raunen durch die Wirtschaftsfakultäten des Landes – die hiesige Ökonomenzunft fühlte sich zumindest ein wenig mitgeehrt.

Ausgezeichnet wurde der Bonner Ökonomieprofessor damals für seine Arbeiten zur Spieltheorie, insbesondere zum sogenannten teilspielperfekten Gleichgewicht, und zwar gemeinsam mit dem aus dem Kinofilm „A Beautiful Mind“ bekannten US-amerikanischen Mathematiker John Nash und dessen Landsmann John Harsanyi.

Woran Reinhard Selten geforscht hat

Die Spieltheorie kommt aus der Mathematik, ist aber auch ein wichtiger Forschungszweig der Wirtschaftswissenschaften. Sie beschäftigt sich mit der strategischen Interaktion mehrerer Beteiligter in einer Entscheidungssituation, dem sogenannten „Spiel“. Übertragen lassen sich die Erkenntnisse der Spieltheorie zum Beispiel auf Lohn- und Tarifverhandlungen. Grundannahme der spieltheoretischen Betrachtungen ist stets, dass alle Akteure vollständig rational entscheiden und – ausschließlich – ihren eigenen Nutzen maximieren.

Ein klassisches Beispiel ist das „Ultimatumspiel“: Spieler A bekommt 10 Euro und soll diese zwischen sich und Spieler B aufteilen. Wenn Spieler B dem Vorschlag von A zustimmt, erhalten beide den entsprechenden Betrag. Lehnt B ab, gehen beide leer aus. Eine mögliche Strategie von B wäre es, alle Beträge über 2 Euro zu akzeptieren. Wenn A also 2 Euro anbietet, würden beide zufrieden von dannen ziehen, weil sie besser als mit leeren Händen dastünden.

Die Aufteilung 8 Euro/2 Euro stellt damit eine plausible Lösung dar: Wenn Spieler B mit 2 Euro zufrieden ist, ist sie ist ein sogenanntes Nash-Gleichgewicht – allerdings kein teilspielperfektes à la Selten. Der hat das Spiel nämlich von hinten aufgerollt, aus der Sicht von Spieler B: Weil dieser ausschließlich auf seinen Gewinn schaut, würde er jedes Angebot von A annehmen, möge es noch so unfair erscheinen. Und weil A das weiß, bietet er: nichts. Denn B hätte auch nichts davon, dieses schlechteste aller Angebote abzulehnen. Teilspielperfekt ist somit nur die Lösung, dass B jedes Angebot akzeptieren würde und A deshalb alles für sich behält.

Doch obwohl Reinhard Selten genau für diese Idee des teilspielperfekten Gleichgewichts den Nobelpreis erhalten hat, stellte sie ihn nicht zufrieden. Denn ihm war klar: Auch wenn die Menschen danach streben, rational zu entscheiden, tun sie es nicht immer. Um ihre Motive dafür zu erforschen, gründete Selten schon 1984 das BonnEconLab, ein Labor für experimentelle Wirtschaftsforschung – das erste in Europa. Dort untersuchte er in Experimenten, welche Entscheidungen Menschen in Spielsituationen wirklich treffen.

Im Fall des Ultimatumspiels beispielweise stellte sich heraus, dass Spieler A im Schnitt 25 Prozent des verfügbaren Geldbetrags abgibt, ganz gleich, ob es sich um 10 oder 1.000 Euro handelt. Aber auch die Hälfte des Betrags oder eben die Null-Lösung wurden häufiger angeboten.

Die Erkenntnis, dass menschliche Verhaltensweisen und Erwartungen nicht durch und durch rational sind, beschäftigt heute einen eigenständigen Forschungszweig der Wirtschaftswissenschaften, die Verhaltensökonomie. Diese untersucht unter anderem, welche Rolle Altruismus, also Rücksichtnahme auf das Glück der Anderen, und Fairness spielen. Daran hat auch Reinhard Selten bis zuletzt in seinem Labor an der Universität Bonn gearbeitet.

Quelle:

Grunewald, Mara, 2016, Der – begrenzt – rationale Mensch [9.9.2016]

Mara Grunewald
Mara hat nach ihrem Diplomstudium in VWL in Bonn ihre Doktorarbeit zu Verhaltensökonomik und Experimenteller Wirtschaftsforschung an der Bonn Graduate School of Economics und auch für einige Monate in New York an der Columbia University geschrieben. Seit 2013 arbeitet sie im Kompetenzfeld Verhaltensökonomik und Wirtschaftsethik im Institut der deutschen Wirtschaft Köln. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen in der Analyse verhaltensökonomischer Erkenntnisse für Unternehmen und Staat, der Lebenszufriedenheit und des Vertrauens.