Schätzungsweise wiesen im Jahr 2015 308.000 bis 676.000 Personen in Deutschland ein problematisches Glücksspielverhalten auf (Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, 2015). Mit dem Aktionstag gegen Glücksspielsucht am 28. September soll auf das hohe Suchtpotenzial von Glücksspielen aufmerksam gemacht und für ein verantwortungsvolles Spielverhalten sensibilisiert werden.

Mit der Einführung des Lotteriemonopols im 18. Jahrhundert sollte nicht nur der Betrug im Glücksspiel eingedämmt werden, sondern die Spieler sollten auch besser vor der Abhängigkeit geschützt werden. Ob ein Glücksspielmonopol tatsächlich Suchtverhalten steuern kann, wird jedoch auch bezweifelt.

Doch Glücksspielsucht schadet nicht nur den Betroffenen selbst, sondern ist auch für den Staat teuer: Die geschätzten sozialen Kosten des Glücksspiels für Deutschland betrugen für das Jahr 2008 insgesamt 326 Millionen Euro (Becker, 2011). Auch wenn die sozialen Kosten für andere Süchte wie die Alkohol- oder Tabaksucht um ein Vielfaches höher sind, dürfen die gravierenden Folgen im persönlichen, familiären oder beruflichen Umfeld nicht unterschätzt werden.

Dennoch wird das Problem der Glücksspielsucht häufig verharmlost. Das mag auch mit der sprachlichen Formulierung zusammenhängen: Während im Englischen zwischen den Begriffen „to play“ (spielen) und „to gamble“ (glücksspielen) unterschieden wird, existiert diese trennscharfe Unterscheidung in der deutschen Sprache nicht. Die Beschreibungen „Spieler“ und „Spielsüchtige“ werden häufig anstelle von „Glücksspieler“ und „Glücksspielsucht“ verwendet (Petry et al., 2013).

Wie gerät jemand in den Sog des Glücksspiels?

Glücksspielsüchtige vertreten Überzeugungen, die die Fortsetzung des Glücksspiels rechtfertigen, doch sie sind in Bezug auf Zufallsergebnisse falsch. Verschiedene kognitive Verzerrungen liegen dem Glücksspiel und der Glücksspielsucht zugrunde:

  • Selbstüberschätzung: Glücksspieler sind häufig der Überzeugung, dass sie trotz der Verluste vieler anderer beim Glücksspiel gewinnen werden und dass ein engagiertes Glücksspielen belohnt wird.
  • Spielerirrtum: Es wird von der Häufigkeit vorangehender Spielausgänge fälschlicherweise auf die Wahrscheinlichkeit der Folgeereignisse geschlossen. Nachdem beispielsweise beim Roulette wiederholt „schwarz“ eintritt, liegt es nahe, zu glauben, dass „rot“ nun wahrscheinlicher wird.
  • Kontrollillusion: Glücksspieler nehmen an, ein eigentlich zufälliges Ergebnis beeinflussen zu können, wie beispielsweise beim Ziehen eines Loses.
  • Selbstwertdienliche Verzerrung: Während Gewinne dem eigenen Können zugeschrieben werden, werden Verluste äußeren Ursachen angelastet. So führen Verluste nicht dazu, das eigene Glücksspielverhalten zu reduzieren.
  • Sunk-Cost Fallacy: Bereits investierte oder verlorene Beträge sollten für die Entscheidung, weiterzuspielen, keine Bedeutung haben. Viele Glücksspieler zeigen jedoch die Tendenz, die versunkenen Kosten bei aktuellen Entscheidungen zu berücksichtigen und hören deshalb nicht mit dem Glücksspiel auf.
  • Verfügbarkeitsheuristik: Beispiele von Gewinnern im Glücksspiel fallen einem eher ein als Verlierer. Es fällt leichter, sich einen Gewinn im Glücksspiel vorzustellen als einen Verlust.

Zudem sind Spielhallen und Geldspielautomaten so gestaltet, dass diese Effekte verstärkt werden. Beispielsweise besteht der Ansporn – trotz vieler Verluste – weiterzuspielen, indem bei Spielautomaten häufig „Beinahtreffer“ vorkommen (z. B. Auftreten von zwei von drei Gewinntreffern) (Petry et al., 2013). Außerdem wird der Verfügbarkeitseffekt dadurch verstärkt, dass Gewinne durch Musik und Münzgeräusche besonders betont werden und Verluste seltener wahrgenommen werden (Becker et al., 2009). Das Risiko des Glücksspiels wird verharmlost, indem Licht- und Toneffekte Spaß suggerieren und Farben mit bestimmten Stimmungen in Verbindung gebracht werden, beispielsweise wird die Farbe „rot“ mit Spannung und Aufregung assoziiert.

Das Wissen und Bewusstsein über die menschlichen Urteils- und Denkfehler kann bereits dabei helfen, das eigene Spielverhalten besser zu verstehen und bessere Selbstkontrolle auszuüben. Außerdem ist die Gefahr der Glücksspielsucht umso größer, je einfacher der Zugang ist. Mithilfe der Selbst- und Fremdsperre kann entweder der Spieler sich selbst oder ihn jemand anderes vor einer möglichen Abhängigkeit schützen.

Quellen:

Becker, Tilman, 2011, Soziale Kosten des Glücksspiels in Deutschland [23.9.2016]

Becker, Tilman / El Abdellaoui, Najat / Wöhr, Andrea / Rudolf, Clemens, 2009, Prävention und Früherkennung von Glücksspielsucht [23.9.2016]

Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung – BzgA, 2016, Glücksspielverhalten und Glücksspielsucht in Deutschland [23.9.2016]

Petry, Jörg / Füchtenschnieder-Petry, Ilona / Vogelgesang, Monika / Brück, Thomas, 2013, Pathologisches glücksspielen [23.9.2016]

Regina Schneider

Regina hat Economics and Psychology an der Universität Panthéon-Sorbonne in Paris studiert und arbeitet seit 2015 als Researcher in der IW Akademie. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen im Bereich Verhaltensökonomik und Wirtschaftspsychologie. Sie interessiert sich vor allem für die psychologischen Aspekte wirtschaftlichen Entscheidens und Handelns.