Das Wahlergebnis der Präsidentschaftswahl in den USA am 8. November wird mit Spannung erwartet. Beide Kandidaten werben eifrig um die Gunst der Wähler. Die Wahlbeteiligung bei der letzten Präsidentschaftswahl betrug jedoch nur knapp 54 Prozent. Auch in Deutschland sinkt die Wahlbeteiligung. Wie können Bürger dennoch mobilisiert werden, zu wählen?

Auch wenn die Wahlbeteiligung der Bürger in Deutschland deutlich über der in den USA liegt, ist sie in den letzten 40 Jahren drastisch gesunken. Während die Wahlbeteiligung 1972 bei den Wahlen zum deutschen Bundestag noch bei 91 Prozent lag, betrug sie bei der Bundestagswahl im Jahr 2013 nur noch 71,5 Prozent  – ein Unterschied von fast 20 Prozentpunkten (Bertelsmann Stiftung, 2013) (Abbildung 1).

Abbildung 1
Wahlbeteiligung in Deutschland bei den Bundestagswahlen von 1949 bis 2013 und Wahlbeteiligung in den USA bei den Präsidentschaftswahlen von 1948 bis 2012

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Quelle: Rahlf, 2015; American Presidency Project, 2013

Eine zu geringe Wahlbeteiligung kann in zweierlei Hinsicht problematisch sein: Erstens spiegelt das Regierungshandeln nicht unbedingt Volkes Wille wider: Wenn angenommen wird, dass weniger als 50 Prozent der Bürger wählen, würde selbst eine einstimmige Wahl nicht mehr die Mehrheit repräsentieren. Zweitens können Abstimmungsergebnisse systematisch verzerrt sein und zwar dann, wenn bestimmte gesellschaftliche Gruppen innerhalb der Wähler- oder Nichtwählergruppe überrepräsentiert sind.

So zeigt die Statistik, dass vor allem jüngere, bildungs- und einkommensschwache Menschen seltener zur Wahlurne gehen (Ewers/Möller, 2014). Dadurch wird die Politik auch immer weniger von diesen Menschen beeinflusst, was eine Spirale des Nichtwählens auslösen kann: Wenn die Interessen dieser Gruppen nicht berücksichtigt werden, steigt die Politikverdrossenheit bei den unterrepräsentierten Gruppen. Umso wichtiger ist es, dass auch diese Menschen von ihrem Wahlrecht Gebrauch machen.

Wählen ist irrational – und doch wählen Menschen

Der neoklassischen Theorie zufolge ist der Mensch ein Homo oeconomicus, also ein Wesen, das feststehende Präferenzen hat und vollkommen rational handelt. Er wägt zwischen Kosten und Nutzen ab und wählt bei gegebenen Alternativen genau diejenige aus, die seinen Nutzen maximiert. Dieser Theorie nach ist Wählen irrational, denn der Einfluss einer einzigen Stimme auf das Wahlergebnis ist unbedeutend. Wenn der Nutzen der Stimmabgabe nur darin besteht, dass man das Wahlergebnis beeinflussen möchte, dann übersteigen  die Kosten des Zeitaufwandes, die durch den Gang zur Wahlurne entstehen, den Nutzen (Downs, 1957).

Um das Verhalten der Wähler dennoch zu erklären, bedarf es anderer, nicht ökonomischer, Theorien. Demnach wählen Menschen, weil sie intrinsisch motiviert sind und der Stimmabgabe an sich einen Wert beimessen, also

  • um ihre Bürgerpflicht, also die soziale Norm, zu wählen, zu erfüllen (Riker/Ordershook, 1968).
  • um ihre Meinung kundzutun (Expressive-Voter-Hypothesis) (Fiorina, 1976).
  • um soziale Anerkennung zu erhalten.

Da die Wahl eine Low-Cost-Situation darstellt, orientieren sich Menschen so lange an sozialen Normen, bis die Kosten der Normeinhaltung einen bestimmten Betrag übersteigen. Da die Menschen unterschiedliche soziale Normen befolgen oder diese für Menschen einen unterschiedlichen Wert haben, gehen auch nicht alle Menschen zur Wahl.

Wie kann die Wahlbeteiligung erhöht werden?

Wie bereits erklärt wurde, ist eine hohe Wahlbeteiligung gesellschaftlich jedoch wünschenswert. Daher stellt sich die Frage, wie die Wahlbeteiligung erhöht werden kann.

Eine Möglichkeit, die Wahlbeteiligung zu erhöhen, ist die Einführung einer Wahlpflicht. Dies ist beispielsweise in Australien der Fall, wo Nichtwähler eine Strafe von 20 Dollar zahlen müssen, wenn sie keine Begründung für das Nichtwählen abgeben. Bei wiederholtem Fernbleiben von der Wahl können auch Gefängnisstrafen als Sanktionsmittel zum Einsatz kommen.

Der Verhaltensökonomik zufolge muss dadurch aber nicht unbedingt die Wahlbeteiligung steigen. Gerade eine Wahlpflicht kann dazu führen, dass es zu einem Verdrängungseffekt (Crowding-out) kommt. So kann es sein, dass durch die Wahlpflicht die intrinsische Motivation, zu wählen, verdrängt wird und durch die extrinsische Motivation (Vermeidung einer Sanktion) ersetzt wird. Diese Motivation kann viel schwacher ausgeprägt sein als die intrinsische, da sie sich nur daran orientiert, eine Sanktion (z. B. Geld-, Gefängnisstrafe) zu vermeiden.

In Deutschland lehnen 79 Prozent der Menschen eine Wahlpflicht ab (Bertelsmann Stiftung, 2013). Es gibt aber sanftere Wege, um die Wahlbeteiligung zu erhöhen:

  • Mere-Exposure-Effekt: Durch Wahlinformation/Wahlwerbung in Universitäten, in Ortsteilen mit hoher Arbeitslosenquote und geringem Durchschnittseinkommen kann durch den bloßen Kontakt mit dem Thema „Wahl“ und „wählen gehen“ Aufmerksamkeit erregt werden und Interesse bei den Empfängern entstehen (Zajonc, 1968).
  • Visualisierung des Wahltages durch konkretes Fragen (z. B. „Werden Sie wählen gehen?“) kann eine wirksame Maßnahme sein, um die Wahlbeteiligung zu erhöhen (Nickerson/Rogers, 2010).
  • Rezenz-Effekt: Durch das gezielte Hinweisen auf den kurz bevorstehenden Wahltag (z. B. per Post, auf persönlichem Wege, telefonisch) erinnern sich Menschen eher an ihr Recht, wählen zu gehen (Gerber/Green, 2000).
  • Sozialer Vergleich: Indem Menschen darüber informiert werden, ob ihre Nachbarn, Freunde oder Andere wählen gehen, kann sich der soziale Druck erhöhen, selbst wählen zu gehen. Denn Menschen versuchen, ihr soziales Image aufrechtzuerhalten (Gerber/Green/Larimer, 2008).
  • Positives Framing: Informationen darüber, wie hoch beispielsweise die Wahlbeteiligung beim letzten Mal war, motivieren andere Menschen eher, zu wählen, als die Information über den Anteil derjenigen, die nicht zur Wahl gegangen sind.

Nichtwählen als politischer Akt

Sicher kann man nicht alle Nichtwähler dazu bringen, doch ihre Stimme abzugeben. Denn immer mehr Menschen gehen aus politischen Gründen bewusst nicht wählen.

  • Wenn es keine großen Konfliktthemen gibt, die einen starken Einfluss auf das Leben der Menschen haben könnten, hat Wählen eine geringere Bedeutung.
  • Zudem ist die Wahlbeteiligung umso geringer, je wahrscheinlicher es ist, dass die aktuelle Regierung wiedergewählt wird. Wenn es eine Wechselmöglichkeit gibt, ist die Wahlbeteiligung höher.
  • Ein weiterer Grund für das Fernbleiben von den Wahllokalen kann die subjektiv als gut wahrgenommene Situation in Deutschland sein.
  • Schließlich kann die Tatsache, dass es kaum wahrnehmbare Unterschiede zwischen den großen Parteien gibt, ebenfalls erklären, warum dem Wählen an sich kein großer Wert beigemessen wird

Eine Erhöhung der Wahlbeteiligung allein kann jedoch nicht das Ziel sein. So kann das Nichtwählen auch als ein politischer Akt interpretiert werden. Dementsprechend müssen die Regierung und Politiker auch bei einer geringen Wahlbeteiligung Handlungsschlüsse ziehen.

Bezogen auf die Wahlen in den USA stellt sich die Frage: Wer sind die Nichtwähler? Genau wie in Deutschland gehen tendenziell jüngere Menschen mit weniger Einkommen und weniger Bildungsjahren zur Wahl. Wenn diese große Gruppe von Nichtwählern ebenfalls wählen gehen würde, könnten sie das Wahlergebnis – was den Prognosen zufolge sehr knapp sein wird – beeinflussen.

Quellen:

American Presidency Project, 2013, Voter Turnout in Presidential Elections: 1828-2012 [31.10.2016]

Bertelsmann Stiftung, 2013, Bundestagswahl 2013 – warum die niedrige Wahlbeteiligung der Demokratie schadet, Einwurf, Nr. 2, Gütersloh

Downs, Anthony, 1957, An Economic Theory of Democracy, New York: Harper & Brothers

Ewers, Mara / Möller, Marie, 2014, Wahlen, Wohlstand, Wohlbefinden – Über eine geringe Wahlbeteiligung und sieben sanfte Wege, sie zu erhöhen, IW policy paper, Nr. 8, Köln

Fiorina, Morris, 1976, The Voting Decision: Instrumental and Expressive Aspects, in: The Journal Of Politics, 38. Jg., Nr. 2, S. 390-413

Gerber, Alan / Green, Donald, 2000, The Effect of Canvassing, Telephone Calls, and Direct Mail on Voter Turnout: A Field Experiment, in: American Political Science Review, 94. Jg., Nr. 3, S.653–663

Gerber, Alan / Green, Donald / Larimer, Christopher, 2008, Social Pressure and Voter Turnout: Evidence from a Large-Scale Field Experiment, in: American Political Science Review, 102. Jg., Nr. 1, S. 33–48

Nickerson, David / Rogers, Todd, 2010, Do you have a voting plan? Implementation Intentions, Voter Turnout, and Organic Plan-Making, in: Psychological Science, 21. Jg., Nr. 2, S. 194–199

Rahlf, Thomas, 2015, Zeitreihendatensatz für Deutschland, 1834-2012, Daten entnommen aus: GESIS Datenarchiv, Köln. histat., Studiennummer 8603

Riker, William / Ordeshook, Peter, 1968, A Theory of the Calculus of Voting, American Political Science Review, 62. Jg., Nr. 1, S. 25–42

Zajonc, Robert B., 1968, Attitudinal effects of mere exposure, in: Journal of Personality and Social Psychology, 9. Jg., Nr. 2, S. 1–27


Weiterführende Quellen:

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 2014, Die Ökonomik des (Nicht-)Wählens [31.10.2016]

Wirtschaftskammer Österreich, 2014, Enste/Ewers/Möller: Wie beeinflussen Regulierungen Wohlstand und Lebenszufriedenheit? – Eine Analyse auf Basis von internationalen Umfrage- und Regulierungsdaten [31.10.2016]

Regina Schneider

Regina hat Economics and Psychology an der Universität Panthéon-Sorbonne in Paris studiert und arbeitet seit 2015 als Researcher in der IW Akademie. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen im Bereich Verhaltensökonomik und Wirtschaftspsychologie. Sie interessiert sich vor allem für die psychologischen Aspekte wirtschaftlichen Entscheidens und Handelns.