Vertrauen ist ein hohes Gut und für eine Gesellschaft von enormer Bedeutung, denn es hält als sozialer „Kitt“ Bürger und Staat zusammen und schafft und festigt Bindungen zwischen den Menschen und ihrem jeweiligen Umfeld. Je stärker die Bindungen in einer Gesellschaft sind, umso etablierter sind implizite Verhaltensregeln und Normen. Diese impliziten Regeln vereinfachen das tägliche Miteinander (Sell/Wiens, 2009). Besonders in anonymen Gruppen sind soziale Normen wichtig.

Knapp 45 Prozent der Deutschen geben an, ihren Mitmenschen zu vertrauen. 54 Prozent sagen, dass man im Umgang mit anderen Menschen nicht vorsichtig genug sein kann. Dieses Ergebnis geht aus einer Umfrage im Rahmen der World Value Survey mit 2.046 Personen im Zeitraum vom 22. Juli bis 13. November 2013 hervor.

Menschen, die vertrauen, weisen bestimmte gemeinsame Ausprägungen von Eigenschaften auf. Je nach Einkommen, Vermögen, Bildung, beruflichem Status und Alter können bestimmte Tendenzen in den Antworten festgestellt werden.

Der Anteil an Menschen, die eher vertrauen, unterscheidet sich hinsichtlich des Bildungsabschlusses – Menschen mit höherer Bildung vertrauen anderen mehr als Menschen mit geringerer Bildung. Während beispielsweise nur 34 Prozent der Personen ohne Schulabschluss und 33 Prozent der Befragten mit einem Hauptschulabschluss Vertrauen in ihre Mitmenschen haben, geben dies 54 Prozent der Akademiker und 46 Prozent der Personen mit Abitur an.

Abbildung 1
Vertrauen in Mitmenschen nach Bildungsabschluss
vertrauen-und-bildung
Quelle: World Values Survey, 2013

Auch Vertrauen und Einkommen hängen eng zusammen. Menschen, die sich in den zwei obersten Zehnteln der Einkommen sehen, vertrauen anderen am meisten. 81 Prozent der Menschen im neunten und knapp 60 Prozent der Menschen im obersten Zehntel haben Vertrauen in ihre Mitmenschen. Wer weniger vertraut, hat ein geringeres Einkommen : 60 Prozent der Menschen, die sich im unteren Zehntel der Einkommen sehen, und 77 Prozent der Menschen im zweiten Zehntel der Einkommen geben an, im Umgang mit anderen Menschen nicht vorsichtig genug sein zu können.

Abbildung 2
Vertrauen in Mitmenschen nach Einkommen
vertrauen-und-einkommen
Quelle: World Values Survey, 2013

Ebenfalls zeigen sich Zusammenhänge zwischen Schichtzugehörigkeit und Vertrauen. Die Grafik spiegelt diesen Unterschied wider: 87 Prozent der Menschen, die sich selber zur Unterschicht zählen, misstrauen anderen. Das größte Vertrauen in Mitmenschen haben Befragte der unteren und oberen Mittelschicht mit 53 bzw. 50 Prozent. Tendenziell  vertrauen Menschen mit höherer Schichtzugehörigkeit mehr.

Abbildung 3
Vertrauen in Mitmenschen nach Schichtzugehörigkeit
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Quelle: World Values Survey, 2016

Hinsichtlich des Beschäftigungsstatus und des Vertrauens in andere Menschen zeigen die Ergebnisse, dass Menschen, die eine Vollzeittätigkeit ausüben, und Schüler bzw. Studenten anderen am meisten vertrauen (je 51 Prozent). 81 Prozent der Arbeitslosen geben an, im Umgang mit anderen Menschen nicht vorsichtig genug sein zu können.

Die vorliegende Analyse beschreibt nur Zusammenhänge zwischen Vertrauen und Eigenschaften wie Einkommen oder Bildung, die sich kausal nicht interpretieren lassen. Frühere Studien belegen, dass Menschen, die mehr vertrauen und sich kooperativer verhalten, auch ein höheres Einkommen beziehen (Stavrova/Ehlebracht, 2015). Putnam (2001) zeigt, dass in Gesellschaften mit einem höheren Sozialkapital, also Vertrauen, Bindungen und Normen innerhalb einer Gesellschaft, Kinder bessere Leistungen in der Schule erbringen.

Quellen:

Putnam, Robert, 2001, Social Capital: Measurement and Consequences; in: Canadian Journal of Policy Research, 2. Jg., Nr. 1, S. 41–51

Sell, Friedrich L. / Wiens, Marcus, 2009, Warum Vertrauen wichtig ist – Der ökonomische Blickwinkel, in: Wirtschaftsdienst, 89. Jg., Nr. 8, S. 526–533

Stavrova, Olga / Ehlebracht, Daniel, 2015, Cynical Beliefs about Human Nature and Income: Longitudinal and Cross-Cultural Analyses, in: Journal of Personality and Social Psychology, 110. Jg., Nr. 1, S. 116–132

World Values Survey, 2013, World Values Survey Wave 6: 2010-2014 [10.11.2016]

Regina Schneider

Regina hat Economics and Psychology an der Universität Panthéon-Sorbonne in Paris studiert und arbeitet seit 2015 als Researcher in der IW Akademie. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen im Bereich Verhaltensökonomik und Wirtschaftspsychologie. Sie interessiert sich vor allem für die psychologischen Aspekte wirtschaftlichen Entscheidens und Handelns.