Während im Jahr 1990 noch 72 Prozent der Bürger in Deutschland einer der zwei größten Kirchen – der katholischen oder der evangelischen – angehörten, betrug dieser Anteil im Jahr 2015 56 Prozent (Statistisches Bundesamt, 2016). Haben sich moralische Normen in der Gesellschaft durch diese Entwicklung verändert?

Individualisierungstendenzen und der Vormarsch der Wissenschaft haben Religion in den letzten Jahrzehnten einem Transformationsprozess ausgesetzt (Schieder/Meyer-Magister, 2013). Die zunehmende Distanz zwischen Individuen und Religiosität hat dazu geführt, dass sich immer weniger Menschen an Religionsgemeinschaften binden. So ist der Anteil Konfessionsloser zwischen 1990 und 2015 von 22 Prozent auf 38 Prozent gestiegen (Forschungsgruppe Weltanschauungen in Deutschland, 2016).

Viele moralische Einstellungen und Normen, die die Gesellschaft heute noch prägen, sind religiösen Ursprungs und gehen in der christlichen Religion auf die 10 Gebote zurück. Normen sind nicht stabil, sondern unterliegen dem stetigen gesellschaftlichen Wandel. Die Zunahme konfessionsloser Menschen in Deutschland ist ein solcher Wandel. Wie könnte sich die abnehmende Bedeutung von Religion und Religiosität auf die Akzeptanz von Normen ausgewirkt haben? Ist der moralische Druck, ihnen Folge zu leisten, kleiner geworden?

Nicht alle Normen sind nur durch Religion legitimiert. Manche Normen und Verhaltensregeln sind durch Gesetze für alle Bürger verpflichtend und schreiben fest, was legal bzw. illegal ist. Andere basieren auf kollektiven, nicht kodifizierten Vereinbarungen und bestimmen, was legitim ist und was nicht. Andere wiederum können allein auf persönlichen Ansichten oder Überzeugungen basieren. Religiosität könnte einen Einfluss auf die Akzeptanz von Normen haben, so wie es Pickel (2001) beschreibt. Sind die Normen von religiösen, nicht religiösen und atheistischen Menschen in Deutschland unterschiedlich stark ausgeprägt?

Eine Umfrage unter 2.046 Menschen in Deutschland gibt einen Einblick in die Einstellungen von Menschen, die sich als religiös, nicht religiös oder atheistisch bezeichnen (World Value Survey, 2013). Dabei wurden Menschen gefragt, ob sie mit bestimmten Normen einverstanden sind. Ihre Antworten wurden jeweils auf einer 10-Punkte-Skala von 1 (unter keinen Umständen) bis 10 (in jedem Fall) gemessen. Zum einen wurden die Teilnehmer zu religiös motivierten Einstellungen wie der Abtreibung und der Scheidung befragt. Zum anderen sollten sie ihre Ansichten zu weniger religiösen Normen äußern.

Die Analyse der Umfragedaten zeigt, dass zwischen Religiosität und moralischen Normen ein Zusammenhang besteht. Wie zu erwarten, lehnen deutlich mehr religiöse als nicht religiöse und atheistische Menschen Abtreibung und Scheidung ab.

Während knapp 30 Prozent der religiösen Menschen angeben, dass Abtreibung unter keinen Umständen in Ordnung ist, sind 21 Prozent der atheistischen Menschen der Meinung, dass Abtreibung in Ordnung ist. Auch bezüglich Scheidung unterscheiden sich die Antworten von religiösen, nicht religiösen und atheistischen Menschen. 17 Prozent der religiösen, 24 Prozent der nicht religiösen und 37 Prozent der atheistischen Menschen finden es in Ordnung, sich scheiden zu lassen (Abbildungen 1-2).

Abbildung 1
„Es ist in Ordnung, abzutreiben.“*
abtreibung
1) Anzahl der Befragten: N(religiös)=819, N(nicht religiös)=832, N(atheistisch)=309.
2) Mittelwerte: M(religiös)=4,03, M(nicht religiös)=4,96, M(atheistisch)=6,15.
Quelle: World Values Survey, 2013

Abbildung 2
„Es ist in Ordnung, sich scheiden zu lassen.“*
scheidung
1) Anzahl der Befragten: N(religiös)=818, N(nicht religiös)=832, N(atheistisch)=310.
2) Mittelwerte: M(religiös)=5,90, M(nicht religiös)=6,72, M(atheistisch)=7,15.
Quelle: World Values Survey, 2013

Die Abbildungen 3 und 4 zeigen, dass die meisten Menschen es nicht in Ordnung finden, gegen Normen wie den illegalen Bezug von staatlichen Leistungen oder Schwarzfahren zu verstoßen. Es lehnt jedoch ein größerer Anteil religiöser als atheistischer Menschen diese Verstöße ab.

91 Prozent der religiösen, 89 Prozent der nicht religiösen und 81 Prozent der atheistischen Menschen finden es nicht Ordnung, illegal staatliche Leistungen zu beanspruchen. Auch schwarzfahren empfindet ein größerer Anteil religiöser als atheistischer Menschen als legitim. 92 Prozent der religiösen und 79 Prozent der atheistischen Menschen lehnen Schwarzfahren ab.

Abbildung 3
„Es ist in Ordnung, staatliche Leistungen zu beanspruchen, auf die man keinen Anspruch hat.“*
staatliche-leistungen
1) Anzahl der Befragten: N(religiös)=832, N(nicht religiös)=844, N(atheistisch)=311.
2) Mittelwerte: M(religiös)=1,70, M(nicht religiös)=1,76, M(atheistisch)=2,13.
Quelle: World Values Survey, 2013

Abbildung 4
„Es ist in Ordnung, kein Fahrgeld in öffentlichen Verkehrsmitteln zu zahlen (schwarzzufahren).“*
schwarzfahren
1) Anzahl der Befragten: N(religiös)=832, N(nicht religiös)=847, N(atheistisch)=312.
2) Mittelwerte: M(religiös)=1,63, M(nicht religiös)=1,82, M(atheistisch)=2,34.
Quelle: World Values Survey, 2013

Die vorgestellten Ergebnisse geben einen Hinweis darauf, dass religiös motivierte Normen mit zunehmender Säkularisierung in einer Gesellschaft immer weniger Bedeutung haben. Normen, die religiös legitimiert sind, finden bei religiösen Menschen höhere Akzeptanz und stoßen auf weniger Zustimmung bei atheistischen Menschen. Bei gerechtigkeitsorientierten Normen wie dem illegalen Bezug von staatlichen Leistungen oder Schwarzfahren fällt dieser Unterschied zwischen atheistischen und religiösen Menschen deutlich kleiner aus. Es ist darauf hinzuweisen, dass die Antworten zu den weniger religiös motivierten Normen aufgrund von sozialer Erwünschtheit verzerrt sein könnten.

*Ursprüngliche Antworten auf einer 10-Punkte-Skala von 1=unter keinen Umständen bis 10=in jedem Fall.
Ablehnend: Zusammenfassung der Skalenpunkte 1-3.
Weder…noch…: Zusammenfassung der Skalenpunkte 4-7.
Zustimmend: Zusammenfassung der Skalenpunkte 8-10.

Quellen:

Forschungsgruppe Weltanschauungen in Deutschland – fowid, 2016, Religionszugehörigkeiten der Bevölkerung in Deutschland 2015 [30.11.2016]

Pickel, Gert, 2001, Moralische Vorstellungen und ihre religiöse Fundierung im europäischen Vergleich, in: Religion und Moral, 6. Jg., S. 105–134

Schieder, Rolf / Meyer-Magister, Hendrik, 2012, Neue Rollen der Religion in modernen Gesellschaften, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, 63. Jg., Nr. 24, S. 28–34

Statistisches Bundesamt, 2016, Bevölkerung auf Grundlage des Zensus 2011 [30.11.2016]

World Values Survey, 2013, World Values Survey Wave 6: 2010-2014 [30.11.2016]

Regina Schneider
Regina hat Economics and Psychology an der Universität Panthéon-Sorbonne in Paris studiert und arbeitet seit 2015 als Researcher in der IW Akademie. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen im Bereich Verhaltensökonomik und Wirtschaftspsychologie. Sie interessiert sich vor allem für die psychologischen Aspekte wirtschaftlichen Entscheidens und Handelns.