Fußball WM 2018 – Im Rausch der Gefühle

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Die Fußball WM 2018 steht vor der Tür und es ist kaum noch jemand zu finden, der noch nicht mit diesem Thema in Berührung gekommen ist. Die Verkaufskanäle mit Merchandise der verschiedenen Nationen und der „Mannschaft“ laufen heiß. Auf der Arbeit sowie auf Schulhöfen ist die Fußball WM das Gesprächsthema Nummer 1. Wer sollte spielen? Wer ist nicht in Form oder noch verletzt? Wie weit kommt Deutschland? Solche Diskussionen können eine gesamte Gesellschaft prägen. Aber ist dies nur ein subjektives Gefühl oder hat ein solches Sportereignis tatsächlich messbare Auswirkungen? Wie wird unsere (finanzielle) Selbstwahrnehmung beeinflusst, wie unser Nationalbewusstsein? Was für einen positiven Einfluss kann die Fußball WM 2018 in Russland auf die Deutschen haben? Mit verschiedenen Studien, die sich mit den vergangenen Weltmeisterschaften beschäftigen, wird diesen Fragen nachgegangen.

Eine Weltmeisterschaft beeinflusst das nationale Wohlbefinden und den Nationalstolz unter speziellen Bedingungen

Über die rein ökonomischen Auswirkungen großer Sport Events wie die Weltmeisterschaft eines ist, ist schon des Öfteren berichtet worden. Themen wie Nachhaltigkeit der Stadien und Sportstätten, langfristige Infrastrukturmaßnahmen und ob es nicht doch bessere Alternativprojekte für das Geld gegeben hätte, bestimmen die öffentliche Diskussion und können sogar zur Ablehnung der Ausrichtung führen (Pergande, 2018). Doch auch bei solchen Diskussionen spielen weiche Faktoren und Empfindungen wie Nationalbewusstsein oder das allgemeine Wohlbefinden eine große Rolle. In der Wissenschaft gibt es widersprüchliche Ergebnisse zu diesem Thema. So kommen Kavetsos/Szymanski (2010) zu dem Schluss, dass nur die Ausrichtung eines sportlichen Mega-Events einen positiven Einfluss auf das nationale Wohlbefinden hat, der reine Erfolg dagegen nicht. Heere et al. (2013) schränken dieses Ergebnis ein, indem sie für einen wirklich signifikanten Effekt beides kombinieren: Ein Land kann also nur einen positiven Effekt auf das generelle Wohlbefinden erwarten, wenn die Ausrichtung mit einer erfolgreichen Teilnahme gekoppelt ist. Hier lässt sich aus deutscher Sicht natürlich die Weltmeisterschaft 2006 anführen, die laut Maennig/Porsche (2008) genau dieses nationale Wohlbefinden transportiert hat. Auch der Nationalstolz war während der WM erhöht (Kersting, 2007, 284).

Individuelles Wohlbefinden steigt kurzfristig

Abgesehen vom Einfluss auf Gesamtdeutschland sind die persönlichen Aspekte natürlich nicht zu unterschätzen. Stieger et al. (2015) gehen mit ihrer Befragung während der Gruppenphase der Fußball WM 2014 auf diese persönliche Ebene des Wohlbefindens. Es zeigte sich ein Anstieg des Wohlbefindens bei denen, die sowohl eines der Gruppenspiele geschaut haben als auch die deutsche Mannschaft unterstützten – auch wenn dieser nur kurzfristig war (Stieger et al., 2015, 5).

Erfolgreiches Abschneiden der deutschen Mannschaft ist äquivalent zu einer Einkommenssteigerung

Gefühle und Erwartungen, die durch eine Fußball WM entstehen, haben aber nicht nur eine soziologische oder psychologische Komponente. Auch die gesamte Wirtschaft kann von diesen Gefühlen beeinflusst werden, sodass kollektive oder individuelle Erwartungen sich auch in makroökonomischen Kennzahlen wiederspiegeln können (Dohmen et al., 2006). In einer groß angelegten Telefonbefragung ermittelten Dohmen et al. (2006) die Einschätzungen zur persönlichen und gesamtwirtschaftlichen Situation sowie die erwartete Entwicklung dieser beiden Werte über ein Jahr während der Fußball Weltmeisterschaft in Deutschland 2006. Insgesamt wurden während des Turniers diese Situationen durchgehend positiver bewertet. Am größten waren die Unterschiede nach dem gewonnen Viertelfinale gegen Argentinien und dem dritten Platz nach dem Sieg gegen Portugal (Dohmen et al., 2006, 7).

Normalerweise ändern sich solch grundlegende ökonomische Einschätzungen nicht über einen so kurzen Zeitraum, also muss die Weltmeisterschaft und das erfolgreiche Abschneiden der deutschen Mannschaft diese positive ökonomische Stimmung hervorgerufen haben. In einer Modellsimulation konnte der gleiche Stimmungszuwachs über den kurzen Zeitraum alternativ durch eine Steigerung des monatlichen Haushaltseinkommens von durchschnittlich 469€ erreicht werden (Dohmen et al., 2006, 8).

Was bleibt nach der Fußball WM 2018?

Angesichts der kommenden Weltmeisterschaft in Russland stellt sich natürlich die Frage, ob wir (wieder) diese individuellen oder kollektiven Glücksgefühle erwarten dürfen, ob der Nationalstolz während der Fußball WM 2018 wieder anschwillt oder wir uns ökonomisch besser aufgestellt fühlen. Viel hängt natürlich von der Leistung der deutschen Mannschaft ab. Außerdem können sich auch gestiegene Erwartungen an die Leistung des amtierenden Weltmeisters eher dämpfend auf die Einflüsse auf unser Wohlbefinden auswirken (Stieger et al., 2015, 5).

Viele der untersuchten Studien blenden gesellschaftliche oder politische Debatten aus, allerdings haben diese im Vergleich zu den untersuchten Weltmeisterschaften stark an Bedeutung gewonnen. Die Auswirkungen des FIFA Skandals, die Aufarbeitung der Bestechungen in Bezug auf die Fußball WM 2006 und die politische Situation in Russland konkurrieren mit den rein sportlichen Aspekten und der Leistung der deutschen Mannschaft. Dennoch sind während einer WM die Gefühle des Zusammenhalts, des Mitfieberns und der Freude bei einem Sieg zu spüren. Sich zusammen mit Freunden bei schönem Wetter die Spiele anzusehen, dabei zu Grillen und mitzufiebern, bringt eine ausgelassene Stimmung mit sich und macht die Zeit zu einer schönen Zeit – auch wenn Zuwächse im Wohlbefinden aus verhaltensökonomischer Sicht vielleicht nicht dauerhaft sind.

 

 

Quellen

Dohmen, Thomas / Falk, Armin / Huffman, David / Sunde, Uwe, 2006, Seemingly Irrelevant Events Affect Economic Perceptions and Expectations: The FIFA World Cup 2006 as a Natural Experiment, in: Institute for the Study of Labor (IZA), IZA Discussion Papers

Heere, Bob, et al., 2013, The power of sport to unite a nation: the social value of the 2010 FIFA World Cup in South Africa, in: European Sport Management Quarterly, 13. Jg., Nr. 4, S. 450–471

Kavetsos, Georgios / Szymanski, Stefan, 2010, National well-being and international sports events, in: The Economics and Psychology of Football, 31. Jg., Nr. 2, S. 158–171

Kersting, Norbert, 2007, Sport and National Identity: A Comparison of the 2006 and 2010 FIFA World Cups™, in: Politikon, 34. Jg., Nr. 3, S. 277–293

Maennig, Wolfgang / Porsche, Marcel, 2008, The Feel-Good Effect at Mega Sport Events – Recommendations for Public and Private Administration Informed by the Experience of the FIFA World Cup 2006, in: International Association of Sports Economists, Working Papers

Pergande, Frank, 2018, Stürmisches Hamburg. Gründe für das Nein, http://www.faz.net/aktuell/politik/inland/olympia-volksentscheid-hamburg-stimmt-mit-nein-13940152.html [23.5.2018]

Stieger, Stefan / Götz, Friedrich M. / Gehrig, Fabienne, 2015, Soccer results affect subjective well-being, but only briefly: a smartphone study during the 2014 FIFA World Cup, in: Frontiers in Psychology, 6. Jg., S. 497

Simon Lübke
Simon begann im April 2018 als Praktikant im Kompetenzfeld Verhaltensökonomik und Wirtschaftsethik und arbeitet nun als studentischer Mitarbeiter. Er studierte Betriebswirtschaftslehre (Bachelor) an der Universität zu Köln und wird zum Wintersemester im Master Volkswirtschaftslehre studieren.