Trägheit: Unausweichliche Folge des Lockdowns?

Veröffentlicht von

Beiträge zu den 7 Todsünden – Teil I: Trägheit.

Trägheit wird für einige Menschen in der aktuellen Krise zu einem ernstzunehmenden Problem, das u.a. mit verhaltensökonomischen Maßnahmen verringert werden kann (Enste/ Kary, 2021).

Seit einem Jahr quält das Corona-Virus Deutschland und die Welt. Es veränderte damit auch das Leben vieler Arbeitnehmer*innen. Laut einer Umfrage der Hans-Böckler-Stiftung (2020) befanden sich im Frühjahr 2020 mehr als ein Viertel des Beschäftigten im Homeoffice. Im November 2020 sank die Zahl auf rund 14 Prozent. Die Bundesregierung versucht die Regelung nun erneut stärker durchzusetzen – seit Ende Januar gilt in Deutschland die „SARS-CoV-2-Arbeitsschutzverordnung“. Die Botschaft ist eindeutig: Wer kann, soll von zuhause arbeiten. Denn eine Studie der Universität Mannheim (Alipour et al., 2020) zeigt, dass diese Maßnahme wirksam gegen die Pandemie sein kann. Den Wissenschaftlern zufolge kann die Infektionsrate mit einem Prozent mehr Arbeitnehmer*innen im Homeoffice um bis zu acht Prozent verringert werden.

Warum wir im Homeoffice träge werden

Doch was bedeutet die Arbeit im Homeoffice für Beschäftigte? Welchen Einfluss haben Triebkräfte wie Trägheit und Faulheit? Die Arbeit von zuhause aus kann Vorteile bieten, wie mehr räumliche und zeitliche Flexibilität und den Wegfall von Pendelwegen. Es gibt allerdings auch eine Kehrseite: Die Grenzen zwischen Privat- und Berufsleben verschwinden und die Anforderungen an das eigene Selbst- und Zeitmanagement steigen. Vor allem, wenn sich ganze Familien im Homeoffice befinden, sind die Ablenkungen groß, und sie erhöhen den psychischen Druck. Laut einer Umfrage empfinden 40% der Befragten durch die Corona-Einschränkungen mehr Trägheitsgefühle und weniger Motivation (Nu3, 2020). Das Wall Street Journal spricht von kollektiver Erschöpfung und Pandemie-Ermüdung (Meichtry et al., 2020).

Wissenschaftliche Untersuchungen zu Trägheit zeigen, dass sie sich oft in genereller Hoffnungs- und Interessenslosigkeit ausdrückt (Bucher, 2012) und zur Prokrastination verleitet (DeSimone, 1993). Die Faulheit kann evolutionspsychologisch auf den menschlichen Instinkt der Ressourcenschonung zurückgeführt werden. Der Mensch versucht durch das Nichtstun Energie zu sparen, um die begrenzte menschliche Selbstkontrollkapazität zu schützen (Opitz, 2013).

Die Pandemie veränderte den Arbeitsalltag der meisten Menschen und störte gewohnte Arbeitsabläufe sowie lang eingeübte Gewohnheiten. Beschäftigte, die sich nun im Homeoffice befinden, müssen sich plötzlich über Dinge Gedanken machen, die früher jahrelang im Unterbewusstsein automatisch abgespult wurden und somit kaum mehr Energie abverlangten. Die neuen Umstände benötigen zusätzliche Energie, die im Tagesverlauf für andere Aufgaben fehlt: Ein Gefühl der Antriebslosigkeit kann entstehen.

Verhaltensökonomische Wege aus der Trägheit

1. Die Ankermethode

Die Organisationspsychologie kennt allerdings auch einige Wege, wie Trägheit vermieden werden kann. Eine große Chance besteht dabei in der Etablierung neuer Gewohnheiten. Dies ist besonders wichtig, denn werden durch Prokrastination langfristig die mentale, körperliche oder geistige Gesundheit vernachlässigt, steigt die Frustration, sinkt das Selbstvertrauen und es entsteht ein Teufelskreis aus geringem Selbstwertgefühl, geringer Motivation und geringer Lebenszufriedenheit. Gewohnheiten können damit zum Beispiel mit der sogenannten Ankertechnik etabliert werden. Neue, erwünschte Verhaltensweisen werden dabei mit bereits bestehenden automatisierten Handlungsabläufen verankert. Beispiele dafür können die Einführung von zehn Liegestützen nach jedem Videocall, eine fünfminütige Mediation nach dem Mittagessen oder ein kurzer Spaziergang nach dem Ausloggen am Abend sein.

2. Selbstmanagement

Man sollte jedoch nicht der Illusion erliegen, den mentalen Stress komplett vermeiden zu können. Die Pandemie stellt jeden vor neue Schwierigkeiten, die zusätzliche Energie von uns fordern. Gerade deshalb ist es wichtig, die eigene Fähigkeit zur Fokussierung auf wichtige Tätigkeiten zu stärken. Dabei kann helfen, große und langwierige Aufgaben in kleinere Aufgabenblöcke einzuteilen. Dies vermindert das Bedürfnis zur Prokrastination und hilft, die eigenen Fortschritte zu verdeutlichen und damit Zufriedenheitsgefühle herzustellen. Einzelne Aufgaben können außerdem mit selbst gesetzten Fristen versehen werden, um die Kosten der Prokrastination zu erhöhen. Eine Klassifizierung der zu erledigenden Aufgaben nach deren Dringlichkeit und Wichtigkeit kann ebenfalls dabei helfen, die Selbstkontrollkapazität zu schützen. Ziel ist es, nicht dringende und nicht wichtige Tätigkeiten zu vermeiden und die Energie, die für unwichtige, aber als dringend wahrgenommene Aufgaben aufgebracht wird, zu begrenzen.

3. Die Kanban-Methode

Versagensangst spielt bei der wahrgenommenen Trägheit ebenfalls eine wichtige Rolle. Lob, dass sich eher auf den Fortschritt als rein auf die Zielerreichung einer Aufgabe bezieht, kann diese Versagensangst mindern. Dabei hilft beispielsweise die Kanban-Methode des Projektmanagements. Diese Methode veranschaulicht visuell, welche Aufgaben noch zu erledigen sind, welche sich bereits in Bearbeitung befinden und welche Aufgaben erfolgreich gemeistert wurden. Die Visualisierung und aktive Verschiebung der Aufgaben kann die eigene Motivation erhöhen und die subjektive Wahrnehmung beeinflussen (Dickmann, 2008).

 

 

 

 

4. Regeln fürs Homeoffice

Auch die Gestaltung des Homeoffice kann eine wichtige Rolle dabei spielen, Trägheit und Antriebslosigkeit zu vermeiden. Um die Gefahr der Ablenkung zu vermeiden, sollte idealerweise ein separater Raum zur Verfügung stehen, der nicht für andere Aktivitäten genutzt wird. Dieser Raum sollte dann gemäß dem Prinzip des Schutzes der Selbstkontrollkapazität gestaltet werden. Beispiele dafür können sein, Süßigkeiten aus Sicht- und Reichweite zu verbannen und die Vibration des privaten Handys auszustellen.

Ist man sich den Gründen der Antriebslosigkeit bewusst, können also gezielte Maßnahmen aus der Organisationspsychologie ergriffen werden, um gegen die Ermüdung vorzugehen. Diese Maßnahmen können dabei helfen, den Arbeitsalltag angenehmer und produktiver zu gestalten und Beschäftigte vor einem negativen Teufelskreis bewahren.

In unserer aktuellen IW-Analyse haben wir uns unter anderem detailliert mit der Trägheit und möglichen Auswegen auseinandergesetzt: https://www.iwkoeln.de/studien/iw-analysen/beitrag/dominik-h-enste-verhaltensoekonomische-interpretationen-und-handlungsempfehlungen.html

 

Quellen:

Alipour, Jean-Victor / Fadinger, Harald  / Schymik, Jan , 2020, My home is my castle: the benefits of working from home during a pandemic crisis. Evidence from Germany (No. 329). ifo Working Paper.

Bucher, Anton A., 2012, Geiz, Trägheit, Neid & Co in Therapie und Seelsorge. Psychologie der sieben Todsünden, Berlin

DeSimone, Paopla, 1993, Linguistic assumptions in scientific language, in: Contemporary Psychodynamics. Theory, Research & Application, 1. Jg., S. 8-17

Dickmann, Philipp, 2008, Schlanker Materialfluss mit Lean Production. Kanban und Innovationen, Berlin

Hans-Böckler-Stiftung, 2020, Studien zu Homeoffice und mobiler Arbeit, https://www.boeckler.de/de/auf-einen-blick-17945-Auf-einen-Blick-Studien-zu-Homeoffice-und-mobiler-Arbeit-28040.htm [01.02.2021]

Meichtry, Stacy / Sugden, Joanna / Barnett, Andrew, 2020, Pandemic Fatigue Is Real… and It’s Spreading, https://www.wsj.com/articles/pandemic-fatigue-is-realand-its-spreading-11603704601 [01.02.2021]

nu3, 2020, nu3 Corona-Studie. Wie wir uns in Zeiten von Social Distancing und Home-Office ernähren und bewegen, https://www.nu3.de/pages/corona-studie [01.02.2021] 

Opitz, Manuel, 2013, Unser Körper taugt nicht für diese moderne Welt, https://www.welt.de/wissenschaft/article115126406/Unser-Koerper-taugt-nicht-fuer-diese-moderne-Welt.html [01.02.2021] 

Johanna Kary
Johanna ist studentische Mitarbeiterin im Kompetenzfeld Verhaltensökonomik und Wirtschaftsethik des IW Köln und machte hier bereits 2020 ein Praktikum. Sie studiert derzeit im Master Economics an der Nova School of Business and Economics in Portugal.