Impfneid: Ein Phänomen, für das wir uns schämen müssen?

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Beiträge zu den 7 Todsünden – Teil II: Neid.

Darf es Lockerungen für Geimpfte und Genesene geben, solange nicht allen BürgerInnen ein Impfangebot gemacht wurde?

Am 4. Mai beschloss die Bundesregierung eine Verordnung, die vollständig Geimpften und vor kurzem Genesenen Lockerungen bei Kontaktbeschränkungen und Ausgangssperren zuspricht.

Bis Ende April wurden insgesamt bereits mehr als 28 Millionen Impfdosen verabreicht, täglich werden bis zu 1.1 Millionen Menschen geimpft. Einen vollständigen Schutz haben 6.3 Millionen Menschen, zusammen mit den seit Kurzem Genesenen dürfte die neue Verordnung damit rund 10% der Bevölkerung betreffen (Robert Koch-Institut, 2021).

Die Reaktionen auf die Verordnung sind geteilt: Auf der einen Seite berichten die Medien von Impfneid und immer dringlicher klingenden Rufen nach schnelleren Impfungen und einer Auflösung der Impfpriorisierung. Auf der anderen Seite interpretiert Bundesjustizministerin Christine Lambrecht die Verordnung als eine natürliche Konsequenz der Impfentwicklung in einem Rechtsstaat: denn von wem keine Gefahr mehr ausginge, dessen Rechte müssen auch nicht weiter eingeschränkt werden (Tagesschau, 2021; ZDF, 2021).

Doch warum empfinden manche Menschen überhaupt Impfneid?

Definiert wird Neid als eine schmerzhafte Empfindung, die wir über das Glück anderer verspüren (van de Ven et al., 2009). Die Empfindung basiert auf einem sozialen Vergleich – evolutionspsychologische und soziologische Theorien gehen davon aus, dass eben jener soziale Vergleich dem Menschen bei der Reflektion über die eigene Position hilft und ihn anspornt, den eigenen sozialen Status zu verbessern. Empfindet ein Mensch Neid ist dies demnach ein Signal, dass er seine eigene Position verändern sollte (Enste et al., 2019, 107ff.; Festinger, 1954).

Auch die Verhaltensökonomik untersuchte den Neid in Laboruntersuchungen und fand, dass Menschen sogar finanzielle Nachteile in Kauf nehmen, wenn sie so eine hohe Ungleichverteilung vermeiden können. Ging es die Aufteilung einer Summe zwischen zwei Personen, lag der kritische Wert meist bei 30% der Gesamtsumme: Wurde den Teilnehmern weniger angeboten, bevorzugten sie es, dass beide Teilnehmer stattdessen leer ausgingen (Cooper/Dutcher, 2011).

Doch die reine Feststellung, dass Neid als Empfindung im Menschen verankert ist, reicht für eine Beurteilung der aktuellen Situation nicht aus: Der entscheidende Faktor für das menschliche Zusammenleben ist die Unterscheidung zwischen Neid und Missgunst, beziehungsweise konstruktivem und destruktivem Neid. Missgunst charakterisiert, dass die Distanz zum Beneideten zu verringern versucht wird, indem dessen Position verschlechtert wird. Konstruktiver Neid motiviert Menschen hingegen dazu ihre eigene Position zu verbessern, um so eine ähnliche Stellung wie die des Beneideten zu erreichen (Smith/Kim, 2007). Verbunden wird konstruktiver Neid deshalb mit Innovationen und Ehrgeiz (Enste, 2017), destruktiver Neid hingegen hemmt Zugehörigkeitsgefühle und Gruppenleistungen (Duffy/Shaw, 2000).

Die positive Nachricht: Die Ausprägung des Neides kann beeinflusst werden.

Die Organisationspsychologie geht davon aus, dass sowohl ein partizipativer Führungsstil, klar formulierte Ziele und das Gefühl des Betroffenen, seine eigene Situation verbessern zu können, wichtige Aspekte sind, die dazu führen, dass eher konstruktiver als destruktiver Neid verspürt wird. Auf die aktuelle Situation angewendet unterstreicht dies die Notwendigkeit, möglichst bald möglichst großflächig Bürgern die Impfmöglichkeit in konkrete Aussicht zu stellen. Solange die Impfung selbst für die meisten unerreichbar scheint, kann dies dazu führen, dass sich Menschen ungerecht benachteiligt fühlen. Besonders wichtig ist dabei auch das Prinzip der Sympathie, welches davon ausgeht dass Menschen, die das Gefühl haben Erfolge in einer Gruppe gemeinsam zu erleben, weniger destruktiven Neid empfinden (Aronson, 1978; Cialdini, 2002, Enste/Kary, 2021). Können beispielsweise in einem Altersheim Senioren ohne Kontaktbeschränkungen leben, ist dies ein gesamtgesellschaftlicher Erfolg, der zu Kooperation und Vertrauen im sozialen Miteinander motivieren sollte.

Neben all dem berücksichtigt werden sollte auch: Wer sich ständig mit anderen vergleicht, ist grundsätzlich unglücklicher (Lyubomirsky/Ross, 1997). Da die Corona Pandemie bereits eine Herausforderung für die mentale Gesundheit ist, ist vom ständigen sozialen Vergleichen deshalb abzuraten. Wichtig sind überlegte Strategien, die die soziale Ungleichbehandlung aufhalten und sozial benachteiligten Menschen die Chance geben, ihre eigene Position zu verbessern. In der aktuellen Impfdebatte spricht dies für Initiativen wie beispielsweise kürzlich in Köln, bei denen Impfangebote speziell in sozialschwächeren Gebieten geschaffen wurden (Rheinische Post, 2021). Stellt man eine gewisse Chancengerechtigkeit sicher, kann Neid auch als Kontrollinstrument für soziale Prozesse funktionieren (Enste/Kary, 2021).

Neid sollte also in keinem Fall tabuisiert werden – er ist vielmehr eine natürliche Reaktion des Menschen im Laufe sozialer Vergleichsprozesse und eine Antwort auf empfundene Chancenungerechtigkeit. Die Empfindung des Neids kann im besten Fall als Kontrollmechanismus für den politischen Prozess funktionieren und für innovative und effiziente Lösungen sorgen. Die destruktive Ausprägung des Neides sollte hingegen vermieden werden.

Quellen:

Aronson, Elliot, 1978, The Jigsaw Classroom, Beverly Hills

Cooper, David J. / Dutcher, E. Glenn, 2011, The dynamics of responder behavior in ultimatum games. A meta-study, in: Experimental Economics, 14. Jg., Nr. 4, S. 519–546

Cialdini, Robert B., 2002, Die Psychologie des Überzeugens, Bern

Duffy, Michelle K. / Shaw, Jason D., 2000, The Salieri Syndrome, in: Small Group Research, 31. Jg., Nr. 1, S. 3–23

Enste, Dominik H., 2017, Neid, in: IW-Geschäftsbericht 2017/2018, Köln, S. 40–41

Enste, Dominik H. / Eyerund, Theresa / Suling, Lena / Tschörner, Anna-Carina, 2019, Glück für Alle? Eine interdisziplinäre Bilanz zur Lebenszufriedenheit, Berlin

Enste, Dominik H./Kary, Johanna, 2021, Die sieben Todsünden, in: IW-Analysen 141, Köln

Festinger, Leon, 1954, A Theory of Social Comparison Processes, in: Human Relations, 7. Jg., Nr. 2, S. 117–140

Lyubomirsky, Sonja / Ross, Lee, 1997, Hedonic consequences of social comparison. A contrast of happy and unhappy people, in: Journal of Personality and Social Psychology, 73. Jg., Nr. 6, S. 1141–1157

Smith, Richard H. / Kim, Sung H., 2007, Comprehending envy, in: Psychological Bulletin, 133. Jg., Nr. 1, S. 46–64

van de Ven, Niels / Zeelenberg, Marcel / Pieters, Rik, 2009, Leveling up and down. The experiences of benign and malicious envy, in: Emotion, 9. Jg., Nr. 3, S. 419–429

https://www.rki.de/EN/Content/infections/epidemiology/outbreaks/COVID-19/Situationsberichte_Tab.html

https://www.tagesschau.de/inland/innenpolitik/lockerungen-corona-geimpfte-101.html

https://www.zdf.de/nachrichten/panorama/corona-impfneid-impfscham-100.html

https://rp-online.de/nrw/staedte/koeln/koeln-impfteams-beginnen-mit-impfen-am-koelnberg-und-in-chorweiler_aid-57777483

Johanna Kary
Johanna ist studentische Mitarbeiterin im Kompetenzfeld Verhaltensökonomik und Wirtschaftsethik des IW Köln und machte hier bereits 2020 ein Praktikum. Sie studiert derzeit im Master Economics an der Nova School of Business and Economics in Portugal.

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