Europa nach Corona: Mehr Neid oder mehr Vertrauen?

Veröffentlicht von

Beiträge zu den 7 Todsünden – Teil III: Neid.  

Eine Krise wie die Corona-Pandemie löst unterschiedliche Reaktionen aus. Sie kann den Zusammenhalt oder Neid und Missgunst fördern. Die Verhaltensökonomik zeigt anhand eines großen Surveys in europäischen Ländern, wie mit Priming und veränderter Kommunikation die positiven Entwicklungen verstärkt werden könnten. 

Mit dem Fortschreiten der Impfungen in Deutschland kann ein Blick auf eine Zukunft nach der Pandemie gewagt werden. Wie hat sich das gesellschaftliche Miteinander langfristig verändert? Eine Antwort darauf versuchen die AutorInnen des kurzfristig veröffentlichten Workingpapers „Calamities, Common Interests, Shared Identity: What Shapes Altruism and Reciprocity?“ zu geben. Die AutorInnen des EconPol Netzwerkes untersuchen unter anderem, wie ein Priming mit Covid-19 das Vertrauen, den Altruismus und die Reziprozität der TeilnehmerInnen ihres Experimentes veränderte (Aksoy et al., 2021).

Beim sogenannten Priming werden die TeilnehmerInnen unbewusst mit einem Stimulus konfrontiert, in der Erwartung, dass es ihre Reaktion auf einen darauffolgenden Stimulus beeinflusst. Wie funktioniert das?

Konkret wurden die TeilnehmerInnen dabei zunächst befragt, wie sie die Covid-Sterberate in ihrem Land relativ zum europäischen Durchschnitt einschätzen. Anschließend erhielten sie die korrekte Antwort. Dabei zeigte sich, dass 13% der TeilnehmerInnen die Sterberate überschätzten, während 31% sie unterschätzten. Befragt wurden Personen aus Frankreich, den Niederlanden, Deutschland, Griechenland, Ungarn, Italien, Polen, Spanien und Schweden (Aksoy et al., 2021).  

Im Anschluss an diesen ersten Schritt des Primings spielten die TeilnehmerInnen das Diktator- und das Vertrauensspiel, zwei verhaltensökonomische Methoden, um Altruismus, Vertrauen in Andere und Reziprozität zu messen. Dokumentieren mussten sie dabei ihr Spielverhalten für den Fall, dass ihr zufällig zugeloster Spielpartner eine Person ihrer eigenen Nationalität, einer anderen EU-Nationalität oder einer Nationalität außerhalb der EU sei. Verglichen wurden die Ergebnisse mit TeilnehmerInnen einer Kontrollgruppe und mit TeilnehmerInnen, die mit den europäischen Werten oder dem europäischen Handel geprimt wurden (Aksoy et al., 2021). 

Die Ergebnisse, dargestellt in Abbildung 1, sind für Reziprozität und Altruismus signifikant und unterstützen nach Meinung der Autoren die parochiale Altruismus Hypothese. Diese Hypothese geht davon aus, dass das Durchleben einer Krise und das Gefühl einer gemeinsamen Identität zu einer Steigerung des Altruismus in einer Gesellschaft führen können (Choi/Bowles, 2007). Der Effekt sei dabei umso stärker, je näher sich die Personen stünden. Der Effekt des Primings mit europäischen Werten ist dem des Covid-Primings ähnlich, während das Priming mit dem europäischem Handel keine signifikanten Ergebnisse erzielt (Aksoy et al., 2021). 

Abbildung 1: Die Ergebnisse der Survey für Reziprozität und Altruismus 

Die Ergebnisse scheinen ein gutes Zeichen zu sein.  

Aus der Krise könnte sich demnach als langfristig positive Konsequenz eine stärkere europäische Gemeinschaft bleiben, mit einer stärkeren Ausprägung von Reziprozität und Altruismus. Dies beinhaltet auch weniger gesellschaftliche Missgunst, was beispielsweise auch für die Diskussion um Impfneid eine gute Nachricht wäre. Impfneid kann als destruktive Reaktionen auf den sozialen Vergleich interpretiert werden. Destruktiver Neid, beziehungsweise Missgunst, bedeutet dann, dass Menschen versuchen andere Personen schlechter zu stellen, um ihre eigene Position im sozialen Gefälle zu verbessern (Enste/Kary, 2021). Diese destruktive Reaktion hemmt Zugehörigkeitsgefühle und Gruppenleistungen und ist demnach sehr problematisch für den gesellschaftlichen Zusammenhalt (Duffy/Shaw, 2000).  

Die Ergebnisse zu Altruismus und Reziprozität durch Corona können allerdings auch in einem anderen Licht interpretiert werden.  

Die Theorie der Phasen eines Desasters nach Zunin/Myers, zitiert nach DeWolfe (2000), geht davon aus, dass nach Beginn einer Krise zunächst eine heroische Reaktion erfolgt, eine sogenannte Honeymoon-Phase beginnt. Nach diesem kurzfristigen emotionalen Hoch und dem Fortschreiten der Krise beginnt die Desillusionierung, die Emotionen fallen auf ein Tief. Nach etwa einem Jahr akzeptieren nach dieser Theorie die Menschen die neue Realität und verarbeiten die neuen Umstände. Diese Phase wird als Rekonstruktionsphase gekennzeichnet. Das emotionale Wohlbefinden pendelt sich langfristig wieder im ursprünglichen Bereich ein (DeWolfe, 2000). 

Berücksichtigt man den Zeitpunkt der Datenerhebung im Juli 2020 und damit noch recht zu Beginn der Krise, könnten sich die Befragten zu dieser Zeit in der Honeymoon-Phase befunden haben. Aus den Ergebnissen ließe sich dann nicht mehr schließen, dass eine gemeinsam durchlebte Krise den sozialen Zusammenhalt langfristig stärkt. Auch die aktuelle Diskussion um Impfneid könnte dabei in den Desaster-Zyklus eingeordnet werden, vermutlich zum Ende der Desillusionierung. Gesellschaftlich bevorstehen würde uns demnach bald eine Phase des emotionalen Aufstiegs. In diesem Sinne bieten beide Theorien einen positiven Ausblick auf die Zukunft. Ob die Corona Krise jedoch Reziprozität und Altruismus tatsächlich auf Dauer gestärkt hat, wird sich erst in einiger Zeit beurteilen lassen. 

Literatur 

Aksoy, C. G./ Cabrales, A./ Dolls, M./ Durante, R./ Wind-steiger, L., 2021, Calamities, Common Interests, Shared Identity: What Shapes Altruism and Reciprocity?. [Arbeitspapier]. 

Choi, J.-K./ Bowles, S., 2007, The coevolution of parochial altruism and war,in: science 318 (5850), 636–640. 

Duffy, Michelle K. / Shaw, Jason D., 2000, The Salieri Syndrome, in: Small Group Research, 31. Jg., Nr. 1, S. 3–23 

EconPol, 2021, EconPol: Coronavirus Crisis Promotes Altruism and Social Exchange [Pressemeldung]. https://www.econpol.eu/press_releases/2021-05-27 

Enste, Dominik H./Kary, Johanna, 2021, Die sieben Todsünden, in: IW-Analysen 141, Köln 

Johanna Kary
Johanna ist studentische Mitarbeiterin im Kompetenzfeld Verhaltensökonomik und Wirtschaftsethik des IW Köln und machte hier bereits 2020 ein Praktikum. Sie studiert derzeit im Master Economics an der Nova School of Business and Economics in Portugal.